Montag, 23. Juli 2012

Introibo - vom Sinn der Eingangsprozession beim Hohen Amt

Zu seinen Toren ziehet dankend ein (Ps 99, 4).
Prozessionskreuz
St. Remigius, Merdingen am Tuniberg
Das Stufengebet des außerordentlichen römischen Ritus, wie wir es heute kennen, hat sich aus der Praxis entwickelt, daß ehedem der Priester auf dem Weg zum Altar Gott seine Sündhaftigkeit bekannte und um Vergebung bat. Vor dem Ende des 1o. Jahrhunderts findet sich zudem der Brauch, dies mit Psalm 42 zu verbinden: Introibo ad altare Dei - "zum Altar Gottes will ich treten".
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Diese Praxis setzte weiland einen gewissen Weg voraus, der zurückgelegt werden mußte. Daß es nicht darum ging, möglichst rasch von der Sakristeitür zum Altar zu kommen, wird durch die Gebete verdeutlicht, die diesem Weg quasi eine innere Richtung gewiesen haben. Übrig geblieben ist davon heute nur noch eine Eingangsprozession, wie sie hin und wieder an hohen Feiertagen gepflegt wird. Ansonsten ist das Empfinden, daß der Gang zum Altar mehr ist als ein zweckmäßiges Herantreten, meist verloren gegangen. Oft trennen nur wenige Schritte Sakristei und Altar; zumeist nehmen die Priester den kürzesten Weg, zumal die benannten Initialriten zwischenzeitlich an den Stufen des Altares gebetet werden, was ihnen den besagten Namen "Stufengebet" eingebracht hat.
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Ein Verlust, wie ich meine, und ich sehe keinen Grund, der dagegen spräche, nicht nur an besonderen Feiertagen, sondern an jedem Sonntag im wahrsten Sinn des Wortes zur (Haupt-) Feier der Heiligen Messe - zum Hohe Amt - mit einer Eingangsprozession, welcher das Kreuz vorangetragen wird, zu schreiten, sofern die Gegebenheiten dies erlauben.
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Das Hohe Amt ist nicht nur eine fromme Übung oder eine Folge des Sonntagsgebots, sondern der Höhepunkt der Woche. Die Gemeinde sammelt sich um den Altar, um in der Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers die heiligen Mysterien des Pascha zu feiern. Das Hohe Amt ist damit nicht nur ein Gedächtnis "unter anderem" des Ostertages, es ist die Erneuerung dieses Tages und graduell nicht weniger bedeutsam als der Ostersonntag an sich. Dies sollte in der Feier, soweit es geht, zum Ausdruck gebracht werden - warum nicht durch ein besonders "feierliches" Hinzutreten zum Altar? Es geht dabei aber keineswegs nur um ein dekoratives Element. 
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Fangen wir mit dem Kreuz an, welches dieser Prozession vorangetragen werden soll; die früheste Weisung hierzu - jedwede Art von Prozession betreffend - rührt übrigens von Kaiser Justinian I. (gest. 565) her. Für die streitende Kirche ist das Kreuz das Feldzeichen dieses Äons, wie es zugleich das Siegeszeichen ihres verklärten Herrn ist (dazu hier einige lesenswerte Gedanken von Odo Casel OSB). Gibt es auch nur einen zwingenden Grund, warum man dieses Feldzeichen allzu oft in der Sakristei weggesperrt hält? Wäre es nicht im geistigen Ringen mit der Zeit sinnvoll, dieses Symbol regelmäßig zu Ehren zu bringen - nicht zuletzt auch zwecks Zurüstung der Gläubigen? Das sozusagen "majestätisch" vorangetragene Kreuz erweitert den Ausdruckskanon dessen, was wir alles mit der Botschaft vom Kreuz verbinden, wie kaum eine andere Darstellung um die Mahnung an die Gläubigen, milites christiani zu sein, Streiter Christi. In hoc signo vinces: "In diesem Zeichen wirst du siegen"! 
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Aber auch die Prozession selbst ist mehr als nur dekorativ. Mittelalterliche Liturgiker sahen in Prozessionen nicht nur ein Bild für die Wanderung der Kirche zur ewigen Heimat des Himmels, sondern auch eine Erinnerung an den Auszug des Volkes Israel aus Äygypten - und hier berührt die Eingangsprozession des Hohen Amtes unmittelbar die tiefe Dimension der sonntäglichen Pascha-Feier.
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Man kann überdies einen tiefen Sinn darin sehen, wenn der Priester nicht einfach aus der Sakristeitür und am Volk vorbei, sondern aus dem Volk heraus an den Altar tritt. Denn er ist der aus dem Volk Gottes "Herausgerufene", jener, der aus den Vielen berufen ist und sich, diesem Ruf folgend, ganz Christus zur Verfügung stellt - Christus, dem Herrn, der durch ihn, durch den Priester, handelt und die österlichen Mysterien in der Feier des Heiligen Opfers vergegenwärtigt. Überdies ist der Priester - quantitativ, nicht qualitativ! - mehr als "nur" ein alter Christus, das heißt: mehr als ein in persona Christi Handelnder. Denn tritt er an den Altar, so tut er es nicht allein als Individuum, sondern er waltet auch als Stellvertreter des Volkes Gottes, aus dem er - nochmal sei es betont - hervorgeht und hervorgerufen ist: In ihm vollendet sich das "königliche Priestertum" des heiligen Volkes Gottes (vgl. Petr 2, 9) in dessen ganzer Fülle.
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Vielleicht läßt es sich auch so sagen: Wie Christus die menschliche Natur geheilt und geheiligt hat, indem er sie an sich zog und sie durch Kreuz, Auferstehung und Verklärung ihrer eigentlichen Bestimmung zurückgab, so trägt auch der Priester seine und der Glieder des Gottesvolkes menschliche Natur an den Altar, um diese dort in der Vereinigung mit Christus ihrer eigentlichen Bestimmung zuzuführen und - unter anderem - auch das Priestertum der Gläubigen zu besiegeln. Wenn der Priester hierzu aus dem Volk zur heiligen Handlung schreitet, so ist dies ein sinnfällige Zeichen dieses Vorgangs.

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