Sonntag, 1. Juli 2012

Fest des Blutes - Gedankensplitter und Annäherung

Heilig-Blut-Reliquiar
ehem. Klosterkirche Liebfrauen, Freiburg-Günterstal
Ein Fest, in dessen Zentrum Blut steht - man mag geneigt sein, innerlich hier ein wenig auf Distanz zu schalten. Daß Blut "ein ganz besonderer Saft" sei, bekennt selbst Mephistopheles, ehe er Faust durch eine Unterschrift mit Blut die eigene Seele verwetten läßt. Wir schauens an und zeigen uns noch ergötzt, schließlich hat Goethe dieses Szenario literarisch gebändigt, wie es ebenso Karl May unternommen hat, indem er Winnetou und Old Shatterhand in Blutsbrüderschaft vereint. Blut ist eine edle Sache. Dem mit Blut gezeichneten Kontrakt kann nicht leicht widersprochen, der im Blut geschlossene Bund kaum mehr gelöst werden.
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Der besondre Saft hat aber auch eine dunkle Seite; der Begriff des Blutes wurde mit dem der Rasse verknüpft, mit Boden und Scholle und Ehre im Namen und Anspruch des "Herrenmenschen". Der Begriff des Blutes als Objekt einer Feier scheint - zumindest in unseren Breiten - damit hinreichend komprimittiert. Und was die Altvorderen noch kulturell nobilitiert haben mögen, spielt in der Kultur der Gegenwart vor allem als Ekelfaktor eine Rolle: Vom exzessiven Splatterkino bis hin zum Orgien-Mysterien-Theater eines Hermann Nitsch. Die Berufung auf das Blut und die Herabrufung des Blutes schlägt eine Schneise des Todes durch die Weltzeit, und dies nicht nur auf der Leinwand - Blut als Fluch, sozusagen.
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Heilig-Blut-Altar mit dem Reliquiar
Blut bedeutet Leben, solange es im Körper pulsiert. Wer bei einem Unfall viel Blut verliert oder sich die Pulsadern aufschneidet, stirbt, wenn die Blutung nicht gestoppt wird oder gegebenenfalls frisches Blut zugeführt werden kann.
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Nur einer kann nicht sterben: König Amfortas in Wagners Parsifal, dem der geile Klingsor nicht allein den Speer entwand, mit dem Christus einst die Seite geöffnet ward, sondern dem überdies mit diesem Speer eine Wunde geschlagen wurde, die sich nicht schließt. Der Gralskönig verblutet und kann den ersehnten Tod doch nicht schauen, solange ihn die Ritterschaft auf Monsalvat zwingt, den Gral, den Kelch des Abendmahls, die Blutschale Christi, immer wieder zu enthüllen und damit immer wieder Lebenskraft zu erneuern: "Der Speer nur heilt die Wunde, die er schlug" - jene Lanze, einst getrieben in das Herz des Erlösers, aus dem Blut und Wasser drang.
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Erzählungen, Fakten, Mythen - das kulturelle, das soziologische, das historische, das religiöse Gedächtnis der Menschheit quillt über von Blut. Und das Kirchenjahr konfrontiert uns zu all dem mit einem eigenen Blut-Fest. Eingangs habe ich geschrieben, daß man sich hierzu vielleicht etwas auf Distanz begeben möchte, gerade weil wir mit dem Begriff des Blutes eine Unzahl an wenig attraktiven Eindrücken und Implikationen verbinden - jedenfalls habe ich nicht den Eindruck, daß sich das Fest des Kostbaren Blutes Christi heute einer auffallenden "Beliebtheit" erfreut. Und doch will uns gerade dieses Fest, so denke ich jedenfalls, all dem absichtlich aussetzen, was wir nur zu gerne ausblenden: Dem leidenden Christus in totaler Radikalität, ungeschminkt sozusagen.
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Natürlich bieten sich viele Gelegenheiten, des Leidens Christi zu gedenken. Doch scheint mir immer ein Kontext vorhanden, der uns die Gelegenheit gibt, die Anteilnahme gewissermaßen zu sublimieren: das große Erlösungsdrama am Karfreitag, die Marienminne am Fest der Sieben Schmerzen, die Liebe am Fest des durchbohrten Herzens Jesu. Erwägen wir einmal: Was betrachten wir lieber am Ölbergsgeschehen ... den lieben Heiland samt schlafenden Jüngern und tröstendem Engel - oder den Gottmenschen in der äußersten Verzweiflung, in der Verlorenheit der Angst, in jener Finsternis, in der Christus sogar darum bat, der Vater möge diesen Kelch an ihm vorüber gehen lassen? Was mag es gekostet haben, dennoch und trotzdem beten zu können: "Doch nicht mein Wille, sondern der deine geschehe" (Lk 22, 42)? Können wir verstehen, was das Evangelium uns sagen will, wenn wir beten ... der für uns "Blut" geschwitzt hat?
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Blut kennt keine Ausflüchte. Wir werden immer wieder auf seinen archaischen Gestus verwiesen. Es schreit zum Himmel. Das Blut zeigt die Wunden, zeigt die Folter, zeigt die durchbohrten Gliedmaßen, zeigt die Dornenkrone, zeigt Angst, Schmerz bis zur Gottverlassenheit, zeigt den qualvollen Tod - und die Liebe dessen, der in seinem Blut all das erduldet hat. Wofür?

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ich hab mich an einer kiste geschnitten ( in der nähe der pulsader ) und da ist noch ein splitte glaube ich kann ich dadurch sterben ?

Pro Spe Salutis hat gesagt…

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