Dienstag, 10. Juli 2012

Bischof Müller und die Jungfrau Maria

Eines vorweg: Angesichts der Tatsache, daß es sich bei Bischof Ludwig Müller - alles in allem - um einen Lichtblick im deutschen Episkopat gehandelt hat, begrüße ich die Berufung des Regensburger Bischofs zum Leiter der Glaubenskongregation und bedauere sie im gleichem Atemzug. Und natürlich wünsche ich Erzbischof Ludwig Müller Gottes Segen für seine neue, große Aufgabe und - die gewonnene Distanz zum Gefechtsstand Zaitzkofen könnte helfen - ein vielleicht etwas größeres Herz für die Anliegen jener Katholiken, die sich dem außerordentlichen römischen Ritus verbunden wissen.
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Madonna
St. Johannes Baptist
Oberrotweil am Kaiserstuhl
In die Lobeshymnen, welche über die Blogozese hin angestimmt wurden, kann ich dennoch nicht ganz einstimmen. Ohne Zweifel muß man gewiß nicht - wie es die Piusbruderschaft veranstaltet - einen als Pressemitteilung getarnten Inquisitionsbericht in die Welt setzen. Doch es stehen Themen im Raum, deren Klärung wünschenswert wäre. Darunter zähle ich die Aussagen Müllers zur Jungfräulichkeit Mariens vor und nach und während der Geburt Christi. Zu letzterem Dogma schreibt Müller in seiner Dogmatik (Katholische Dogmatik für Studium und Praxis. Freiburg (5) 2003):
Es geht nicht um abweichende physiologische Besonderheiten in dem natürlichen Vorgang der Geburt (wie etwas die Nichteröffnung der Geburtswege, die Nichtverletzung des Hymen und der nicht eingetretenen Geburtsschmerzen), sondern um den heilenden und erlösenden Einfluß der Gnade des Erlösers auf die menschliche Natur, die durch die Ursünde "verletzt" worden war. … Der Inhalt der Glaubensaussage bezieht sich also nicht auf physiologisch und empirisch verifizierbare somatische Details (S. 498).
Dem muß entgegengehalten werden: 
Es ist Glaubenssatz: Maria hat ohne männliches Prinzip durch die Kraft des Heiligen Geistes empfangen und ohne Verletzung der leiblichen Unversehrtheit geboren (Schmaus S. 107).  
Es geht also doch - und keineswegs nur am Rande - um "Besonderheiten in dem natürlichen Vorgang der Geburt". Diese "Besonderheiten" führten nach Ansicht mancher Dogmatiker zur klaren Ausdifferenzierung in einem eigenen Glaubenssatz, wie er in der klassischen "Schuldogmatik" dann auch traditionell vorgestellt wurde:
Zweiter Satz. Maria blieb auch während der Geburt Christi unverletzte Jungfrau. De fide (Pohle S. 284).
Denn während ...
... die jungfäuliche Schwangerschaft dem Denken weniger Schwierigkeiten bereitet, verhält es sich wesentlich anders mit der jungfräulichen Geburt, weil die wahre Mutterschaft Marias ein wahres Gebären voraussetzt, welches ohne Verletzung nicht vor sich gehen zu können scheint. Allein gerade deswegen ist die virginitas in partu im kirchlichen Glaubensbewußtsein zu einem von der virginitas in conceptione logisch verschiedenen Dogma geworden ... (Pohle a.a.O.).
Wenn Müller "den heilenden und erlösenden Einfluß der Gnade des Erlösers auf die menschliche Natur" zum Glaubensinhalt der virginitas in partu erklärt, so vermengt er meines Ermessens den tragenden Grund eines anderen Dogmas, nämlich des Glaubenssatzes, welcher die Unbefleckten Empfängnis Unserer Lieben Frau bekennt, mit der Jungfräulichkeit der Mutter Gottes. In der Tat nämlich wurde Maria - Müllers Darlegungen passen hier perfekt - durch "den heilenden und erlösenden Einfluß der Gnade des Erlösers auf die menschliche Natur" vor den Makeln der Ursünde völlig und ganz bewahrt. 
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Nur ist diese sogenannte redemptio anticipata (die im Hinblick auf die Verdienste Christi zur Berufung Mariens "vorweggenommene Erlösung") etwas völlig anderes als die virginitas in partu. Hierbei handelt es sich um zwei unterschiedliche besondere Privilegien Mariens, wobei zweiteres nur insofern vom ersten Privileg abhängt, wie alle Privilegien der Gottesmutter in deren Unbefleckter Empfängnis Wurzel fassen.
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Ich denke (wobei es darauf, zugegeben, am wenigsten ankommt), Bischof Müller hat hier einen Versuch unternommen, einen Glaubenssatz zwischen Orthodoxie und Rationalismus auf einem "dritten Weg" zu begründen, ohne daß dies wirklich gelungen ist. Vielleicht wäre es angebracht, in weiteren Auflagen von Müllers Dogmatik diesen Passus im Sinne des Glaubens der Kirche stillschweigend zu ändern ...?
Das Wesen der leiblichen Unversehrtheit zu kennen, welche von der Offenbarung gemeint ist, steht uns nicht zu. Weil es eine Gegebenheit der Offenbarung ist, nimmt sie Teil am Geheimnis, das die ganze Offenbarung darstellt. Die Theologie vermag das Geheimnis ins Licht zu stellen, es aber nicht völlig zu durchleuchten. In ihm scheint Gottes Macht in neuem Glanze auf.
Die Väter vergleichen die jungfräuliche Geburt Christi mit dem Durchgang des Sonnenstrahls durch das Glas, mit dem Hervorgang Christi aus dem versiegelten Grabe, mit seinem Eintritt durch verschlossene Türen, mit der Entstehung eines Gedankens im menschlichen Geiste. Diese Vergleiche können jedoch bloß die Richtung angeben, in welche wir blicken müssen, um auf das Geheimnis der jungfräulichen Geburt hinzusehen. Würde man in ihnen mehr als ferne Andeutungen sehen, dann würden sie zu einer Gefährdung der Wirklichkeit des Leibes und der Geburt Christi (Schmaus S. 131).
Joseph Pohle: Lehrbuch der Dogmatik. Zweiter Band. Paderborn (3) 1907. - Michael Schmaus: Katholische Dogmatik. Fünfter Band. Mariologie. München 1955.
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Update: Ein anderes Meinungsbild zu diesem Thema findet sich hier auf Invenimus Messiam.

Kommentare:

Juergen hat gesagt…

Vergessen wurde im Beitrag der "Ott", welcher schreibt: „Die nähere Bestimmung, worin die jungfräuliche Unversehrtheit in der Geburt nach der pysiologischen Seite besteht, gehört nicht zum Glauben der Kirche.“

Man könnte auch kurz fragen: Was definiert eine Jungfrau?

Ist es einzig und allein die Unverletztheit des Hymen? - Wenn ja, dann ist eine Jungfrau, die aufgrund irgendwelcher Umstände dort nicht unverletzt ist, keine Jungfrau.

Die Definition einer Jungfrau sollte wohl nicht an diesem kleinen Stückchen des Körpers definiert werden.

sophophilo hat gesagt…

my 2 cents: http://invenimus.blogspot.de/2012/07/muller-und-die-jungfrau-maria.html

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Hallo Jürgen ...

... liest man bei Ott den gesamten Passus (in meiner Ausgabe (10) 1981, S. 247 f.), so stellt man freilich unschwer fest, daß sich damit Müllers Position nicht stützen lässt.

Die "nähere Bestimmung" der jungfräulichen Unversehrtheit (!) gehört deswegen nicht zum Glauben der Kirche, weil dieser Vorgang die Natur übersteigt und daher nicht näher bestimmt werden kann. Aber wenngleich das Prozedere (das "WIE") im Dunkel bleibt, so ist an der jungfräulichen Unversehrtheit, und das heißt: an der körperlichen Unversehrtheit (dem "WAS") festzuhalten.

Nicht von ungefährt betont Ott, ehe man zu irrigen Schlußfolgerungen gelangen könnte: "Die körperliche Unversehrtheit ist das materielle Element der Jungfräulichkeit in der Geburt" - und damit gehört dies durchaus zum Glauben der Kirche (übrigens durch die Jahrhunderte hindurch).

Zum Zweiten: Eine versehentliche Verletzung des Hymen, die natürlich geschehen kann, ist als Ausnahmefall und Sonderszenario zur Klärung dieser Frage irrelevant.

Freiburgbärin hat gesagt…

Danke für die nichthermetische Klarstellung.
Die Stellungsnahme der Piusbruderschaft sehe ich allerdings nicht als "inquisitorisch".

Freiburgbärin hat gesagt…

Deine hermetische Blogsoftware erlaubt keine Änderungen am Kommentar, wenn man sich anmelden muss. Deswegen hier als zweiter Kommentar der Link zu dem aktuellen "inquisitorischen" Text der Piusbruderschaft:
http://pius.info/archiv-news/734-beziehungen_zu_rom/6963-bischof-mueller-aeussert-sich-zur-piusbruderschaft

Theodor hat gesagt…

Ich habe mir mal erlaubt, etwas zu der Diskussion beizutragen:

http://summa-summarum.blogspot.de/2012/07/jungfrau-und-muller.html

Beste Grüße
Theodor

Picard hat gesagt…

Sehr richtig haben Sie erkannt, dass das, was Müller sagt, ja etwas ganz anderes ist als das, was Ott sagt.

Müller schließt ja jegliche phyisiologischen Details vom Inhalt des Dogamas aus.

Nur verstehe ich dann nicht, wie sie die völlig berechtigte und sachliche Kritik Gaudrons dann "inquistorisch" nennen können.
(Wie weiter oben ja auch schon ein anderer Kommentar andeutet).

Im Gunde sagt doch Gaudron nichts anderes als Sie selbst.

Nur dass Sie vielleicht Müller noch irgendwie dafür in Schutz nehmen wollen -- aber wie und warum?
Müller ist ja nicht theologisch blöd, er kennt die Lehre sehr genau, auch die historische Entwicklung, wie er etwa in seiner Schrift "Was heißt geboren von der Jungfrau Maria. Eine theologische Deutung" (Herder-Reihe Quastiones Disputatae 119) deutlich vor Augen führt.

Es gibt hier nichts zu entschuldigen bei Müller.

Andreas hat gesagt…

@Picard ...

Vielen Dank vorab für Ihre Wortmeldung. Die Sache liegt bereits eine Weile zurück; soweit ich mich erinnern kann, erachtete ich die Stellungnahme der Piusbruderschaft nicht vom inhaltlichen Ansatz, sondern vom Stil und rhetorischen Gebaren her "inquisitorisch" (freilich kann man diese Wendung - zugegeben - mißverstehen).

Picard hat gesagt…

@ pro spe salutis:

Auch der Stil Gaudrons war völlig angemessen.

Denn wenn Sie es inhaltlich ja sogar wie er sehen, dann ist das, gegeben die konkreten Umstände, ein solcher Sakandal, dass man kaum scharf genug das Ganze verurteilen kann (Gaudron also eher noch zu sanft und zu wenig scharf oder "inquisitorisch" war als zu viel!).

Denn wenn es stimmt, wie wir ja einig sind, dass inhaltlich Müllers Position im Gegensatz etwa zu Ott von der traditionellen Lehre der Kirche abweicht (und zwar mittels UMINTERPRETATION des Dogmen-Wortlautes, also mit modernistischer Methode - vgl. dazu auch meine Kommentare auf dem invenimus-bog!!),

dann ist seine Ernennung zum obersten Glaubenshüter ein derartiger Skandal, der kaum heftig genug angegriffen werden kann.
Wie gesagt, Gaudron liest sich angesichts dessen eigentlich noch sehr zurückhaltend und zumindest auch völlig sachlich!

Andreas hat gesagt…

Nun ja, warum mag es den Anschein haben, als wollte ich Müller dennoch irgendwie verteidigen? Die Fakten liegen in dieser Frage in der Tat auf dem Tisch.

Vielleicht gestehen Sie mir die - gewiß subjektive Sicht - zu, daß ich Müller zugute halten will, er wollte mit seiner Argumentation das Dogma gegen noch ganz andere widersprechende Geister verteidigen. Und: Irgendjemand muß den Job - auch hier sehen Sie mir bitte die saloppe Rede nach - an der Glaubenskongregation ja machen, und gerade in letzter Zeit habe ich den Eindruck, daß Benedikts Entscheidung für Müller nicht die schlechteste Wahl gewesen. Theologen wie Ottaviani oder auch Siri sind heute leider kaum noch zu finden. Zuletzt ... ich möchte nicht wissen, wäre Müller entlassen worden, wen ...