Donnerstag, 21. Juni 2012

Zwischen Kirchenrecht und Knatterexegese: Pacta sunt servanda

Worüber hätte Erzbischof Zollitsch mit seinen Memorandisten heute reden können? Vielleicht über die Lehre der Kirche über die Unauflöslichkeit des Ehebandes? Oder über die Möglichkeiten, Grenzen und Herausforderungen einer Pastoral an geschiedenen Wiederverheirateten? Über das Gewissen und den Gewissensirrtum, es sei dieser nun unüberwindlich oder überwindbar? 
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Von all dem scheint nicht viel die Rede gewesen zu sein. Man hat sich "dialogmäßig" mehr oder minder vertagt; und daß sich die Memorandisten "dialogmäßig" mehr oder minder widerspruchslos vertagen haben lassen, legt eine zumindest seitens des involvierten Diözesanklerus gefühlte Kumpanei mit dem Erzbischof nahe. Ferner bejammerte man gemeinschaftlich die - ach wie überraschende - Aufbereitung des Themas mit "Kampfbegriffen" in den Medien, wobei ich bei den Memorandisten dicke Krokodilstränen kullern sehe, stammten schließlich gerade aus diesem Lager die passenden Steilvorlagen zur Berichterstattung: Revolution und Rührseligkeit.
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Im Spannungsfeld zwischen Kirchenrecht und Knatterexegese (Jesus hat die Sünderin aus Joh 8, 1-11 natürlich nur deshalb nicht verurteilt, damit sie genau jenes Leben, darob die anderen sie gerade noch steinigen wollten, weiterführen und lustig ehebrechen kann) geht meines Ermessens eine anderer Aspekt eher unter: Das Eheversprechen. 
Besteht dieses denn nur aus einigen gefühlsduselnden Worthülsen, kaum von Bedeutung, die man, wenn's denn hart auf hart kommt, nicht allzu ernst nehmen muß - mehr großes Kino, mehr Hollywood als heilige Handlung und große Verpflichtung?
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Kann und darf so einfach ausgeblendet werden, daß sich ein Brautpaar einst in einem bedeutenden Augenblick vor Gott und der Kirche und vor Zeugen (was die Verbindlichkeit der Handlung unterstreicht) versprochen hat, einander "zu lieben und zu ehren" und sich gegenseitig "die Treue zu halten, bis der Tod" die beiden "scheidet"? 
Und ehe beide diese Frage gestellt bekommen, stand zuvor eine weitere ernste im Raum: "... hast du vor Gott dein Gewissen geprüft (!) und bist du frei (!) und ungezwungen (!) hierher gekommen, um mit dieser deiner Braut / deinem Bräutigam die Ehe einzugehen" fragt der Priester jeden der Brautleute. Nochmal: Ist das nur romantischer Mummenschanz? Für einige leider tatsächlich, aber das ist ein anderes Thema.
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Ich neige fast dazu, für Brautpaare ein einjähriges "Ehekatechumenat" zu fordern, in dem sie ihre Beziehungskiste erst einmal radikal bedenken sollten, ehe sie vor den Altar treten und sich ein Sakrament spenden. Das würde überdies auch jene abschrecken, die es nur auf eine alternative Show zum standesamtlichen Rechtsakt abgesehen haben. Gewiß, die Kirche sollte mit dem Angebot ihrer Gnadenmittel nicht sparen - sie sollte sie aber auch nicht billig verramschen, zumal, wenn es sich um ein Sakrament handelt. 
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Die Vorstellung von Kirche als einem religionssoziologischen Dienstleister mag für Salär-Theologen attraktiv sein, die ihren Glauben sowieso schon an den Nagel gehängt haben. Für wen die Kirche der mystischen Leib Christi ist, dem sollte solch eine Vorstellung, die an Simonie grenzt, eigentlich zuwider sein.
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Ein Letztes noch: Unter einem Gesichtspunkt könnte ich das Tun und Treiben wiederverheirateter Geschiedener verstehen. Warum soll ein Mann oder eine Frau nicht aus der Ehe sozusagen entlassen werden können, wenn jeder Priester mittels Laisierung und päpstlicher Dispens aus dem Amt springen und eine Frau freien kann, ungeachtet des character indelebilis der Weihe und eben auch ungeachtet seiner Zölibatsverpflichtung? Wenngleich ein Kleriker, der bei den entsprechenden Weihen für sich beschließen würde, den Zölibat nicht halten zu wollen, die Priesterweihe dennoch gültig empfängt und das Zölibatsversprechen daher einen anderen Verpflichtungsgrad als das Eheversprechen haben mag, so sollte doch, meiner Meinung nach, der alte Rechtsgrundsatz gelten: Pacta sunt servanda - eingegangene Verpflichtungen sind zu halten.

1 Kommentar:

tradi.nl hat gesagt…

Und wieder schreibst Du einen prima formulierten Bericht! Ziehe meine Baseball Kappe ;-).

Einen Punkt moechte ich allerdings nicht unerwaehnt lassen. Du sprichst die Laisierung und paepstliche Dispens bei Priestern an. Fuer Eheleute gibt es ja die Moeglichkeit der Nichtigkeitserklaerung. (Wikipedia: Ehenichtigkeit, Kirchenrecht).

Habe aber schon verstanden, worum es Dir geht, und auch ich vertrete die Meinung: Pacta sunt servanda. Sowohl fuer die Ehe als auch fuer die Priesterweihe gilt, was Schiller im "Lied von der Glocke" sagt: Drum pruefe, wer sich ewig bindet, ob sich das Herz zum Herzen findet.