Montag, 4. Juni 2012

Unsolidarisch plus unmessianisch gleich vorkonziliar

In letzter Zeit sind mir hier und da einige Artikel in die Finger gekommen, die sich - meist auf dem Hintergrund des anstehenden Konzilsjubiläums oder des Mannheimer Katholikentages – mit der aktuellen kirchlichen Lage beschäftigt haben. In der Regel handelte es sich um Beiträge aus der "konzilsgeistigen" und "reformbewegten" Ecke. Dabei ist mir ein gewisser Trend zur Selbstvergewisserung aufgefallen.
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Woher mag dies rühren? Womöglich nimmt man zunehmend wahr, dass mit den gesetzten Desideraten der Sprung in die Gesellschaft kaum noch gelingt. Themen wie Priesterehe, Frauenpriestertum oder Demokratie in der Kirche befriedigen – vor allem, wenn medial aufmunitioniert - zwar kurzzeitig die antirömischen Ressentiments einer breiten Schicht im Lande. Die aber denkt keineswegs daran, deswegen gleich in die Reihen der Konzilsgeister aufzurücken, vom dazugehörenden Engagement ganz zu schweigen. Vielmehr dienen Kirchen- und Papstkritik unter Kirchendistanzierten nur und einzig der willkommenen Bestätigung eigener Vorurteile, bis hin zur Ansicht, sich für so einen Laden wie die Kirche zu engagieren sei ohnehin Zeitverschwendung. Nach kurzer Zeit ist das Thema gefrühstückt – bis zum nächsten Hype.
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Die eigene relativistische Anschauung wird für die Konzilsgeister zur Falle: Denn in den Hochämtern des Relativismus, des Individualismus, der Egozentrik und auch der Politischen Korrektheit ist das Mobilisierungspotential für "Reformen in der Kirche" und mithin die genuine Strahlkraft einer auch noch so rührigen Wisiki-Jüngerschaft äußerst begrenzt. Selbst der Nachwuchs winkt überwiegend ab und engagiert sich, wenn überhaupt, lieber gleich bei Greenpeace oder besucht eher den Weltjugendtag als eine Kirche-von-unten-Demo mit Kirche-Umarmen usw. Fazit: Man bleibt weitestgehend unter sich und kriegt graue Haare.
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Wen wundert's, dass die Tendenz zur Selbstvergewisserung zunimmt? Diese äußert sich meines Ermessens gerne in einem gewissen Schwarz-Weiß-Argumentationsmuster, welches man bei Gesprächen mit den Konzilsgeistern nie aus dem Auge verlieren und selbst bei kleinsten Behauptung anverwandeten Herkommens für sich und ggf. beim Gegenüber hinterfragen sollte. Liest man sich die bereits eingangs erwähnten Artikel zum Konzilsjubiläum durch, so besteht nämlich eine gewisse Tendenz, die vorkonziliare Kirche im schlechtesten Sinn des Wortes "alt" aussehen zu lassen. So stellte sich nach der Lektüre eines Artikels sinngemäß beim Leser der Eindruck ein, die Kirche habe mit dem Vaticanum II ihre messianische und solidarische Sendung entdeckt (wobei diese Entdeckungen im aktuellen kirchlichen Klima wieder verloren zu gehen drohten). Zwischen den Zeilen flüstern solche Argumentation den Verdacht ein, die vorkonziliare Kirche sei unmessianisch und unsolidarisch gewesen.
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Überhaupt ... die Kirche "vor dem Konzil". Man nehme, so die (vielleicht etwas zugespitzt formulierte) Tendenz mancher Darstellung, eine Liturgie, die außer dem Klerus keiner versteht und der man bestenfalls beiwohnen kann. Darin predige man von und über Dogmen und exklusive Heilslehren und drohe dabei mit der Hölle, um einen möglichst angstbesetzten Glauben zu vermitteln, den der Betreffende nicht so einfach über Bord zu werfen traut. Außerhalb der Liturgie, die natürlich zu einem altertümlichen Ritual mit großem Pomp und Prachtentfaltung erstarrt ist, indoktriniere man die Menschen mittels autoritärer Frage-Antwort-Katechismen mit Dogmen und exklusiven Heilslehren usw. Schnurstracks wird nun auch verständlich, dass die herangepredigte und herbeikatechesierte Exklusivität nur an einem Ort enden könne – im katholischen Ghetto, wo sich die Kirche nicht auf die Welt einlassen musste, weil man die Welt – ganz unmessianisch – lieber draußen parkte. Das Kirchenvolk hielt man mit Wallfahrten und volksfrommem Zauber bei Laune. Die Caritas war rigide, konziliare Prozesse ein Fremdwort, weder gab es Friede, noch Gerechtigkeit, noch wurde die Schöpfung bewahrt, vielmehr scheint alles unsolidarisch gewesen zu sein. Der lange Arm Roms reichte bis in den letzten Winkel des katholischen Erdenrunds, die Mission zwang fremden Völkern einen in der Regel niederländisch, belgisch oder französisch, aber immer europäisch getunkten Katholizismus auf und verweigerte die Option für die Armen. Und hätte es das Konzil nicht gegeben, die Kirche wäre heute gewiß eine schrullige Sekte.
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Betrachtet man so manche Früchte des fortwährenden Aggiornamento, so werden diese Deutungsmuster verständlich. Denn irgendwie muss man sich – angesichts der einst turbulenten Erwartung eines neuen Pfingsten – den aktuellen Niedergang von Glaube und Kirche im Abendland schließlich besser reden.

Kommentare:

Wolfram hat gesagt…

Ich sehe die Ergebnisse des II. Vaticanums deutlich anders als du; in Europa wäre meiner Ansicht nach die Entkatholisierung noch schneller gegangen als ohnehin, und der "Niedergang von Glaube und Kirche im Abendland", den du völlig zutreffend behauptest, hängt bestimmt nicht an den konzilsbedingten Änderungen. Sonst wäre es anderen Glaubensgemeinschaften, die nicht diese grundlegende Reform ihrer Praxis und teilweise auch der Lehre durchgemacht haben, grundsätzlich anders ergangen - das ist aber nicht der Fall.
Die 68er Ent-Autoritätisierung der Gesellschaft hat nicht aufs Konzil gewartet und sich auch nicht darauf bezogen; ihre Protagonisten waren meist auch nicht mal auf dem Papier katholisch.

Interessant mag die Überlegung sein, wie es in den Drittweltländern heute um die römische Kirche stehen würde. Wer hätte dort heute mehr zu sagen, die Libertinisten - äh, Befreiungstheologen - oder die Konservativen? Allgemein scheint mir, Südamerika oder auch Südostasien sind Bastionen eines (sehr vorsichtig ausgedrückt) stark konservativen Katholizismus. Trotz des II. Vaticanums...

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Hallo Wolfram!

Das ist halt alles letztlich "Was-wäre-wenn"-Geschichtsanmutung. Natürlich, die Zeit des Konzils war auch gesellschaftlich eine Umbruchphase. Umso unglücklicher meines Ermessens, daß auch die Kirche plötzlich einen Generalumbau in Angriff nahm, was zu wenig guten Wechselwirkungen geführt haben mag. Eigentlich wäre das mal ein Thema für einen eigenen Artikel ... mal sehen.