Dienstag, 26. Juni 2012

Schönheit, die Entfliehende und die Not unserer neuen Welt

[ ... zum 24. Todestag des Theologen Hans Urs von Balthasar ...]
Schönheit heißt das Wort, das unser erstes sein soll. Schönheit ist das letzte, woran der denkende Verstand sich wagen kann, weil es nur als unfassbarer Glanz des Doppelgestirns des Wahren und Guten und sein unauflösbares Zueinander umspielt, Schönheit, die interesselose, ohne die die alte Welt sich selbst nicht verstehen wollte, die aber von der neuen Welt der Interessen unmerklich-merklich Abschied genommen hat, um sie ihrer Gier und ihrer Traurigkeit zu überlassen.
Schönheit, die auch von der Religion nicht mehr geliebt und gehegt wird und die doch, wie eine Maske von deren Antlitz gehoben, darunter Züge freilegt, die für die Menschen undeutbar zu werden drohen. Schönheit, an die wir nicht mehr zu glauben wagen, aus der wir einen Schein gemacht haben, um sie leichter loswerden zu können, Schönheit, die (wie sich heute weist) mindestens ebensoviel Mut wie Entscheidungskraft für sich fordert wie Wahrheit und Gutheit, und die sich von den beiden Schwestern nicht trennen und vertreiben lässt, ohne in geheimnisvoller Rache beide mit sich fortzuziehen.
Wer bei ihrem Namen die Lippen schürzt, als sei sie das Zierstück einer bürgerlichen Vergangenheit, von dem kann man sicher sein, dass er - heimlich oder offen zugestanden - schon nicht mehr beten und bald nicht mehr lieben kann.
Das 19. Jahrhundert hat noch die Gewänder der Entfliehenden in einem leidenschaftlichen Rausch festgehalten, die Umrisse der sich auflösenden alten Welt ("Helena umarmt Faust, das Körperliche verschwindet, Kleid und Schleier bleiben ihm in den Armen ... Helenens Gewande lösen sich in Wolken auf, umgeben Faust, heben ihn in die Höhe und ziehen mit ihm vorüber", Faust II, 3. Akt), die gottdurchlichtete Welt wird Schein und Traum, Romantik, bald nur noch Musik, aber wo die Wolke verzieht, bleibt unverdaulich ein Gebild der Angst, die nackte Materie übrig; und da nichts mehr ist und doch etwas umarmt werden muss, so rät man dem Menschen unseres Jahrhunderts zu diesem unmöglichen Hymen, der ihm zuletzt alle Liebe verleidet. Aber was der Mensch nicht mehr kann, wozu er impotent geworden ist, das hält er als Unbewältigtes nicht mehr aus, er muss es leugnen oder zu Tode schweigen.
Hans Urs von Balthasar: Herrlichkeit. Eine theologische Ästhetik. Erster Band: Schau der Gestalt. Einsiedeln 1961. S. 16f.

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