Sonntag, 24. Juni 2012

Hartherzige Kirche? Barmherzige Kirche?

Es ist nicht Aufgabe der Kirche, ihren Gliedern hier in dieser Zeit unter allen Umständen ein angenehmes Leben zu bescheren. Sicher, es zählt auch zu ihren Verpflichtungen, ein Auge darauf zu haben, daß Menschen ein menschenwürdiges Leben führen können. Mehr aber noch sieht sie sich der Aufgabe gegenüber, die Gläubigen zur ewigen Vollendung, in die endgültige Vereinigung mit Gott zu führen. Tut sie dies, so handelt sie wahrhaft "barmherzig" - auch wenn sie dazu Wege einschlagen muß, die sie in den Augen der Welt "hartherzig" erscheinen lassen. Das gilt auch, oder besser: gerade dann, wenn Christus, der Herr, den Weg eindeutig weist.
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Handelt ein Arzt "hartherzig", wenn er einem Patienten eine - wenngleich schmerzhafte, aber objektiv notwendige - Therapie dringlichst empfiehlt? Handelt er "barmherzig", wenn er trotz besseren Wissens seinen Patienten in der Entscheidung bestärkt, die Therapie abzulehnen, weil jenselber Patient die Bedrohlichkeit seiner Verwundung nicht erkennt und sich gesund "fühlt"? Handelt er "barmherzig", weil er dem Patienten den Unbill der notwendigen Therapie punktuell ersparen möchte, ohne langfristig die Gefährdung in Rechnung zu ziehen? Handelt er "barmherzig", wenn er dem Patienten zu einem Medikament rät, welches für den Zustand des Patienten völlig ungeeignet ist, das notwendige Remedium aber verschweigt?
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Der verantwortungsvolle Arzt wird nahelegen, was langfristig gesehen unabdingbar und das Beste für den Patienten ist; und er wird jenselben durch die Therapie geleiten. Er wird seine Behandlung - gerade wenn sie schmerzhaft ist - so schonend anlegen, wie er es nur vermag, aber er wird sie auch soweit vorantreiben, daß die Therapie ihre Wirkung entfalten kann. Hingegen wird er alles vermeiden, was seinem Patienten im Zweifelfall mehr schadet als nutzt.
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So auch muß die Kirche handeln - mitten im Leben der Menschen, aber stets sub specie æternitatis, unter dem Blickwinkel der Ewigkeit. Auch wenn es nicht immer einfach, verständlich und durchschaubar ist. Weder für die Kirche, noch für die Menschen.
Hilf mir, Herr, die Verworrenheit der Dinge durch die Klarheit des Glaubens zu lichten, und die Schwere alles dessen, was auf mir lastet, durch die Kraft des Vertrauens umzuwandeln.
Und Dein Heiliger Geist möge Zeugnis geben in meinem Herzen, daß ich wahrhaft Dein Kind und im Recht bin, wenn ich alles Geschehende von Deiner Hand entgegennehme. Laß in der Vergewisserung Deiner Liebe jene Fragen beantwortet werden, die keine Menschenweisheit beantworten kann. Daß ich von Dir geliebt bin, ist Antwort auf jede Frage - gib, daß ich sie empfinde, wenn die Stunde der Erprobung da ist. Amen.
Romano Guardini

1 Kommentar:

MC hat gesagt…

Ich denke immer gern daran, wie die frühe Kirche - zu der man ja modernerweise gerne zurückwill - mit dem Sündenproblem umgegangen ist. Da ist es doch heute harmlos gegen und sehr Barmherzig.
Ich plädiere daher dafür, das Wiederverheiratete sich bei jedem Gottesdienst an die Kirchenpforte stellen und die Eintretenden um ihr Gebet bitten, damit die sündhafte Neigung von ihnen (den Wiederverheirateten) weichen möge.
Aber um der Barmherzigkeit willen nur bis zur Besserung, nicht länger.