Mittwoch, 27. Juni 2012

Visionäre Gottesmütter und überspannte Folgeerscheinungen

De Maria numquam satis ... über Maria könne, so soll es der hl. Bernhard von Clairvaux auf den Punkt gebracht haben, nie genug gesagt werden. Und doch wird, denke ich, von Maria hin und wieder zuviel gesagt. Vor allem, wenn es um Erscheinungen, Botschaften, weinende Madonnen, um Seher und wundersame Gesichte geht.
.
Gerade traditionsverbundene Kreise erweisen sich hier in Teilen als anfällig. In der Wüstenei eines "marianischen Rationalismus", welcher in der Gottesmutter kaum mehr sieht als hier eine "Schwester der Menschen", dort ein "Mädchen aus Israel" und allerorten eine mythisch überhöhte Idealisierung, die zu "erden" nötig sei, in solch vertrockneter Distanzierung also mag ein vermeintliches Eingreifen des Himmels sprichwörtlich Wunder wirken oder zumindest die Seelen wärmen. Wie frommt es doch, daß allabendlich Maria, ja eben: nicht von ihren Altären gezerrt wird, sondern vielmehr selbst aus dem Himmel herab steigt, um ihren Kindern das Neueste zum Tag mit auf den Weg zu geben. Das landete zeitweilig sogar auf meinem Küchentisch: Mahnendes aus Medjugorje im Kleinanzeigenteil einer kostenlosen Wochenzeitung - die Botschaften der "Gospa" zwischen dem Bibeltelefon der örtlichen Adventisten, hellsichtig esoterischen Angeboten und der Annoncierung notgeiler Omas, die auf meinen Anruf warten. Nicht, daß Worte der Umkehr da völlig fehl am Platz wären ...
.
Das macht es leicht, die Sache fromm zu verteidigen: So viele Mahnungen. So viele Beichten. So viele Gebete. Sind nicht das die Früchte, an denen himmlische Provenienz erkennbar wird? Ob in Medjugorie, Montichiari, Amsterdam und so weiter, ob "Gospa", "Rosa mystica", "Frau aller Völker" und so fort - nie war Maria so präsent wie heute. Was aber, wenn die Botschaften beginnen, die Lehre der Kirche zu untergraben, und was weiter, wenn sich die Sache hier oder dort am Ende als großer Bluff herausstellt? Die größten Erfolge feiert der Versucher, wenn er im Mummenschanz des Guten, des Heiligen daherkommt. Hat sich aber der Mummenschanz erledigt, so findet einerseits eine schadenfrohe Welt einen Grund mehr, über die doofen Katholiken und ihre religiösen Hirngespinste (womit sodann nicht nur entzauberte "Wunder" gemeint sind) zu lachen, und bleiben andererseits viele ge- und enttäuschte Seelen zurück und einige, die sich dem Urteil der Kirche verweigern und einen vermeintlich "frommen" Ungehorsam kultivieren: Und die letzten Dinge würden ärger sein als die ersten (vgl. 2 Petr 2, 20).
.
Ich will und kann mir kein Urteil erlauben. Das ist Sache der Kirche. Allerdings sehe ich auch irgendwie auffallend andere Früchte und Früchtchen unter manchen der besonders marianischen Seelen: Persönlichkeiten von einer religiösen Überspanntheit, die bei mir einen ungesunden Eindruck hinterlassen. Kaum ein Gespräch, welches nicht auf kurz oder lang einen erschlagenden Bogen von der verluderten Gegenwart über Padre Pio zu den Botschaften von Seher Tralala und den Erscheinung von Hoppsasa bis zum großen Strafgericht spannt, jene obskuren "dunklen Tage" nicht zu vergessen, die der Rache Gottes vorangehen. Daß man - auf den zwischenmenschlichen Umgang bezogen - auch auf finstere Nebelkrähen treffen kann, ist vielleicht mutmaßlicher Verunglimpfung ein Deut zu heftig und kommt zudem tatsächlich eher selten vor, weswegen ich es hier bei einer unschuldigen  Praeteritio belassen möchte. Aber gut, ich weiß, dies alles ist nun sehr zugespitzt, aber die Zuspitzung kommt auch nicht von ungefähr.
.
Gefährlich wird es in meinen Augen spätestens dann, wenn diese Zeitgenossen beginnen, potentielle Interessenten zu missionieren. Ich habe nicht nur einmal erlebt, wie Priester zum Beispiel im Rahmen von Meßfeiern im außerordentlichen römischen Ritus eigens darauf hinweisen mußten, daß es nicht erlaubt sei, ohne Genehmigung irgendwelche Traktate in der Kirche auszulegen. Der besondere marianische Gehorsam äußerte sich in einem Fall darin, daß entsprechendes Material dann eben nach der Meßfeier vor der Kirche unters Volk gebracht wurde.
.
Mir erschließt sich auch nicht ganz der offenbar manche Mitchristen total vereinnahmende Reiz, den irgendwelche Mären von just erscheinenden Gottesmüttern und Seherbotschaften ausüben. Kann man nicht warten, bis die Kirche zu einem Urteil gefunden hat, auch wenn Gottes Mühlen langsam mahlen mögen und die Mühlen des Heiligen Stuhls gefühlt noch langsamer? Haben wir nicht bereits beglaubigtes Zeugnis für das Wirken Mariens in dieser Welt in den großen Erscheinungen von Lourdes und Fatima? Sollten wir, wenn in uns eine ganz besondere marianische Saite schwingt, nicht zuerst diese Botschaften zu erfassen und ins Leben zu integrieren suchen, ehe wir uns weiteren, meinethalben aktuelleren, aber allemal ungesicherteren Manifestationen zuwenden?
.
Wer das Glück hat, in katholischen Regionen zu leben, wird überdies in nicht allzuweiter Ferne ein Marienheiligtum finden, zu dem zu wallfahren sich lohnt. Nicht, weil die alten Gnadenbilder, die dort mitunter seit Jahrhunderten verehrt werden, tatsächlich wundersamer Weise etwa auf irgendwelchen Flüssen angeschwemmt worden oder vom Himmel herabgefallen sind. Diese Ursprungslegenden mögen so wahr oder fromm erfunden sein wie die Erscheinungen jüngster Tage. Doch hier geht es nicht mehr darum - denn hier steht das Faktum im Mittelpunkt, daß diese Heiligtümer über Generationen zu geistlichen Kraftquellen geworden sind, und dies durchgängig ohne Droh- oder sonstige zwielichtige Botschaften, allein geheiligt durch Gebet und genehmigt und begleitet durch die kirchliche Autorität.
.
Wer in der Diaspora wohnt, kann übrigens auch leicht wallfahren - mitten durch die Mysterien des Lebens Jesu und Mariens, entlang der Perlenschnur des Rosenkranzes. Dazu braucht es kein Medjugorje, kein Montichiari und keine Frau aller Völker. Genau genommen braucht man dazu noch nicht einmal Lourdes oder Fatima.

1 Kommentar:

Braut des Lammes hat gesagt…

Vielen Dank hierfür. Ich sehe das ganz ähnlich. Mit den Traktaten der Frau des Volkes hab ich auch ähnliche Erfahrungen gemacht. Auslage verboten: werden trotzdem ausgelegt.