Samstag, 23. Juni 2012

Ehe, Scheidung, Scheidungsbrief

Die vorchristliche Naturehe, wie wir sie aus der übernatürlichen Offenbarung kennen, war von Anbeginn an mit einem unaufknüpfbaren Eheband umschlungen.. Nicht umsonst sprach Adam, vom Hl. Geiste erleuchtet (Trid., Sess. XXIV. prooem.: divini Spiritus instinctu) die prophetischen Worte (Gen 2, 24): "Darum wird der Mensch seinen Vater und seine Mutter verlassen und seinem Weibe anhängen und die Zwei werden sein ein Fleisch". Der Heiland fügt den Worten Adams sofort den bedeutungsvollen Spruch hinzu (Mt 19, 6): "Was also Gott verbunden hat, das soll der Mensch nicht trennen".
Indem er dem Einwand der Juden, Moses habe ja den Scheidebrief gestattet, das kategorische Urteil entgegenstellte (Mt 19, 8): Im Anfange (ab initio, ap' arches) war es nicht so", gab er unmißverständlich zu erkennen, daß jede menschliche Ehe nach dem Vorbild der paradiesischen iure divino nicht nur monogamisch geartet, sondern auch innerlich unauflöslich sei, weswegen jede eigenmächtige Ehescheidung nur im Ehebruch endigen kann. (...)
Ist aber die innere Unauflöslichkeit jeder Ehe, auch der nichtchristlichen, göttlichen Rechts, so folgt, daß in der historischen Ordnung nur Gott oder eine gottgesetzte, ad hoc bevollmächtigte Autorität - nicht der Staat - unter gewissen Bedingungen die Ehescheidung gestatten kann, wie dies wirklich in Form einer göttlichen Dispens im Gesetz des Moses vorgesehen war. Vgl. Dt 24, 1: Wenn jemand ein Weib nimmt und sie bei sich hat, und sie findet nicht Gnade vor seinen Augen um irgendetwas Häßlichen willen (propter aliquam foeditatem), so soll er einen Scheidebrief (libellum repudii) schreiben und ihr denselben in die Hand geben und sie entlassen (dimittet) aus seinem Hause". (...)
Als Scheidungsgrund gibt Moses beim Weibe an: "etwas Häßliches" (foeditas), eine Bestimmung, welche den alttestamentlichen Juden geläufig sein mußte, uns Modernen aber unverständlich ist. Daß man darunter nicht jeden beliebigen Grund, wie z. Bsp. Unkenntnis im Kochen, verstehen kann, wie die rabbinische Hillelschule erklärt, liegt auf der Hand. Wahrscheinlich hat die Schamaischule mit ihrer Deutung recht, daß die mosaische foeditas nichts anderes war als eine gegen die eheliche Treue verstoßende unschamhafte Handlung.
Joseph Pohle: Lehrbuch der Dogmatik. Dritter Band. Paderborn 1906. S. 615f.

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