Mittwoch, 20. Juni 2012

Die Zölibatsdebatte und meinereiner

Gerade eben lief auf 3sat eine Reportage zum Thema Zölibat, Priesterfrauen, Priesterkinder - erwartungsgemäß über weite Strecken ein Aufguß aus Betroffenheit, Rührseligkeit, Larmoyanz und Arroganz. Während der Sendung plante ich noch, hier einen ellenlangen Beitrag mit Argumenten und Einwänden und Widerlegungen zu schreiben angesichts der Schamlosigkeit der meisten, die sich in dieser Sendung zu Wort gemeldet hatten - egal, ob Priester oder Frau, Expriester, Exmönch, Bischof oder Geck.
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Bringt das was? Wahrscheinlich nicht. Ich wähle einen anderen Weg, und obgleich es nicht unbedingt meine Art ist, mein Innenleben hier nach außen zu kehren, scheint es mir sinnvoll, zumindest skizzenhaft auf folgende eigene Erfahrung hinzuweisen. Ich hoffe, es schmeckt jetzt nicht zu sehr nach Seelenstriptease ...
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Immer, wenn ich mich bemüht hatte und habe, aus dem Glauben zu leben und entsprechend ein geistliches Leben zu führen, kam ich mit meiner Sexualität am besten zurecht; obwohl das eine recht "zölibatäre" Angelegenheit war und ist, vermisse ich nichts und fühle mich im Reinen mit Gott und mit mir selbst, mit meinen Aufgaben, mit meinem Leben und auch mit meiner Umwelt. Nicht, daß Versuchungen hierdurch automatisch ausblieben, aber ich kann - Deo adjuvante - souveräner damit umgehen, solange ich der Gnade Raum zu geben versuche. Dabei bin ich mir bis heute noch nicht einmal im Klaren darüber, ob das überhaupt meine Berufung ist ... zölibatär leben?
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Je mehr hingegen geistliche Lauheit in mir Raum gegriffen hat und oder Raum greift, desto deutlicher steigen Begierden hoch, desto mehr spüre ich, wie ich nicht mehr Herr meiner Selbst bleibe, sondern wie der Trieb über mich herrschen möchte und herrscht. Ein Trieb, der mich  letztlich noch nie auch nur halbwegs auszufüllen vermochte, der vielmehr auf kurz oder lang irgendwann den nächsten Kick suchte: ohne viel Verantwortung, ortlos, ziellos, schal am Ende, unbefriedigend und ohne viel Bedacht auf die Folgen für andere wie für mich selbst. Im schlimmsten Fall gerät das Leben, ohne daß man es deutlich bemerkt, zunehmend aus den Fugen und aus der Spur. Und glaube niemand, ich wüßte nicht, wovon ich spräche. Ich weiß es zu gut, leider. 
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Meinethalben mögen mich jetzt aufgeklärte Zeitgenossen belehren, daß ich den sexuellen Trieb mit gesteigerter Religiosität kompensieren würde. Solche Deutungsmuster sind mir geläufig. Für meinen Fall kann ich sagen: Scheint mir nicht zutreffend. Und selbst wenn es zutreffend wäre, schiene es mir angesichts meiner Biographie die bessere Variante.
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Übrigens - ich halte Sex, bevor jetzt jemand noch diese Platte auflegt, keineswegs für etwas Schmutziges, Verderbtes oder Gott nicht Wohlgefälliges. Aber alles hat seinen Rahmen, um sich in Verantwortung vor Gott und dem Du - der Partnerin, dem Partner - gegenüber in Liebe und in Schönheit und in Fülle zu entfalten.

Kommentare:

tradi.nl hat gesagt…

Danke fuer Deinen Mut zum Bekenntnis!

Freiburgbärin hat gesagt…

Die "Sex ist schmutzig und Verderbt" Masche kommt aus der Sexindustrie. Ohne diese Verquickung von Wollust und Angst funktioniert deren Geschäft nicht halb so gut. So werden Begierden geschaffen, die befriedigt werden müssen. Bedürfnisse werden von außen stimuliert und der Wille den Trieben untertan gemacht.
Schade, dass dieses perfide Spiel von den eingangs Genannten mitgespielt und gefördert wird.

Gereon Lamers hat gesagt…

Mutig.

Klar.

Hilfreich.

Thumbs up!

Dank und Gruß

Gereon

MC hat gesagt…

Ein großes Lob von mir.

Ich erinnere mich an einen Vortrag von Pater Karl Wallner, bei dem er sinngemäß sagte, in der heutigen Ego-zentrierten Zeit müsse man auch und vor allem über sich selbst reden, wenn man den Glauben und seine Lehren verbreiten wolle. Gut das das hier geschehen ist.

Im Übrigen kann ich aus meienr wohl geringeren Erfahrung deinen Ausführungen persönlich nur beipflichten.

tradi.nl hat gesagt…

Kleiner Nachtrag: Ich empfehle manchen (katholischen)Klienten, statt meine Couch doch mal den Beichtstuhl aufzusuchen. Ist uebrigens wesentlich billiger ;-))