Sonntag, 17. Juni 2012

Dichterschelte - ein "unauskündbarer" Veriss

Widmen wir uns heute abend noch ein wenig der Kunstkritik. Die war weiland offenkundig rabiater als in heutigen Tagen; in unserem Fall zieht der katholische Existenzialist Theodor Haecker deftigst über den protestantischen Dichter Rudolf Alexander Schröder und dessen Aeneis-Übertragung her. Auch die Edition des Missale Romanum der Abtei Maria Laach (Editio Lacensis) bekommt am Ende ihr Fett weg:
... Aus fünf der gewöhnlichsten Wörter der römischen Umgangssprache läßt Vergil zu unverlierbarem Klang, zu unvergeßlicher Gestalt werden den Vers:
Infandum, regina, iubes renovare dolorem.
Doch wohl nicht dazu, daß Herr Rudolf Alexander Schröder ihn mit lächerlich verbogenen deutschen Wörtern und ohne den Honig des Wohllauts also wiedergebe:
Unauskündbaren Schmerz, o Königin, heißt du verneuen.
Es ist eines der typischsten Beispiele für das unintelligente Mißverständnis deutscher "Führer des Geistes", ein geheimnisvolles Merkmal aller echten Kunst, die Ungewöhnlichkeit nämlich, künstlich durch ungewöhnliche Wörter statt künstlerisch mit gewöhnlichen durch ein Mysterium erreichen zu können.
Renovare ist eines der gewöhnlichsten lateinischen Wörter, genau wie die wörtliche deutsche Übersetzung "erneuern" eines der gewöhnlichsten deutschen Wörter ist. Jeder Deutsche sagt auch heute noch erneuern, wenn er nicht gerade renovieren sagt, nur Herr Rudolf Alexander Schröder sagt, aber sicherlich auch nur, wenn er Vergil übersetzt: "verneuen", was freilich überhaupt kein Deutsch, sondern eine ungewöhnliche Verhunzung - kann man vielleicht umgekehrt "Erhunzung" sagen, ist das dichterischer? - der deutschen Sprache ist.
"Infandum", so sagt jedes römische Kind, jeder römische Barbier, jeder römische Kaiser, so auch Vergil, dessen Stern heller leuchtet , als der des Aenaden, des Cäsar. Der Sekundaner wird infandum mit unsagbar übersetzen, ohne zu ahnen, daß er ein Wort von ungewöhnlicher, ja von unsagbarer Schönheit und Tiefe sagt. Jeder Deutsche sagt ohne weiteres "unsagbar", wie er überhaupt in jedem Augenblick, ahnungslos, besinnungslos, Perlen seiner Sprache vor die Säue und sich selber wirft oder speit; und recht hat er! Nur Herr Rudolf Alexander Schröder will noch kostbarere Perlen haben, er stellt sie synthetisch her, er sagt: "unauskündbar", was ein ungewöhnliches Monstrum ist von einem deutschen Wort, das nur ein anthropomorpher Hippopotame gegenüber unsagbar sagbar finden kann.
Missale Romanum
Editio Lacensis (1931)
Aber impotente Geheimräte und virulente Pivatdozenten der klassischen Philologie und Georgik rutschen antirömisch auf den hochmütigen Knien vor der ungewöhnlichen Übersetzungskunst des Herrn Rudolf Alexander Schröder, der hinwiederum die Bremer Presse bibliophilen Ausdruck zu geben sich müht in einer Antiqua, die zur Antike sich verhält, wie die Häresie zum Dogma der Kirche, so es erlaubt ist, parvis componere magna.
Daß in einer ähnlichen Schrift derselben Provenienz, barbarischem Produkt durch Mißverstand und Abfall zersetzter Elemente antiken und christlichen Seins, das Missale Romanum gedruckt werden durfte, grenzt freilich an Blasphemie.
Theodor Haecker: Vergil. Vater des Abendlandes. Leipzig 1931. S. 37ff.
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... auch Büldungsbürger wie meinereiner haben ihre kleinen Reliquien: Glaube ich den Einträgen auf dem Vorblatt, gehörte das Bändchen einst dem Philosophen Max Müller und danach Hans Filbinger. Leider nicht in meinem Regal: Das für den liturgischen Gebrauch bestimmte Laacher Missale Romanum (Editio Lacensis) wurde seinerseits von den Benediktinern der Abtei Maria Laach gemeinsam mit der Bremer Presse besorgt. Die hierfür eigens geschaffene Liturgica-Type umfasst rund 4000 Zeichen; der komplizierte Satz wurde in mehrjähriger Arbeit von der Werkstatt der Bremer Presse ausgeführt. Übrigens: ein "anthropomorpher Hippopotame" ist ein "menschenähnliches Nilpferd".

Kommentare:

Gereon Lamers hat gesagt…

Danke, lieber Kollege.
Ganz herzlichen Dank!

Wie würden unsere amerikanischen Freunde sagen: "You made my day, dude!"

Außerdem habe ich sofort mal ein Exemplar von Haecker geordert. Sehr (sehr!) preiswert zu haben.

Und wo ich doch gerade gelernt habe, daß das Werk Einfluß auf den jungen Spaemann gehabt hat...

Gruß

Gereon

kalliopevorleserin hat gesagt…

Die Kritik an einer mißlungenen Übersetzung wäre wundervoll, wenn sie kürzer wäre. Wenn sie aufhörte da, wo sie aufhört, Kritik zu sein.
So aber muß man nach sachlichen, brillant-boshaft formulierten Worten erfahren, worum es dem Kritikus wirklich ging: Rudolf Alexander Schröder war Protestant, und wer Protestanten mag, kann ja kein guter Mensch sein, oder? Und wer nicht der Meinung des Rezensenten ist, kriegt auch keinen hoch?
Schade um die im übrigen berechtigte Kritik an einem Dichter und Übersetzer, in dessen herausragendem Werk es eben auch mal weniger Gelungenes gibt. Wie bei manchem Geheimrat und fast jedem Literaturkritiker auch.

Freiburgbärin hat gesagt…

Büldungsbürger und Haslach geht schon mal gar nicht zusammen. :)

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Gereon, das Wort "unauskündbar" werde ich aber dennoch in meinen Wortschatz übernehmen ... Haecker hin, Haecker her! ;-) Sonst alles ruhig bei den Dichternunddenkern?

Kalliope, die Konfession dürfte dabei keine Rolle gespielt haben. Ich denke, es ist eher Haeckers Sicht auf die Dichtkunst Vergils, die ihn zu diesem Verriss trieb.

Freiburgbärin, da sag ich nur: Boah läng'mas'Gwehr!

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Kalliope, das "antirömisch rutschen" (meinst Du das mit dem Konfessionsbezug?) bezieht sich meiner Deutung nach eher auf die römische Welt Vergils.

Morgenländer hat gesagt…

Haeckers 'Vergil' ist eine kleine Perle; und dass er, wie wohl jeder, recht ungnädig reagiert, wenn eine Übersetzung ein geliebtes Werk verhunzt, ist verständlich.

Auf den R.A. Schröder lasse ich aber nichts kommen, so prätentiös und gravitätisch einige seiner Werke auch daherkommen: nicht nur hat er den hinreißenden 'Lockenraub' von Alexander Pope nach Deutschland gebracht - er hat auch einige der schönsten Kirchenlieder neuerer Zeit geschrieben.

Das musste, von einem Wahlbremer und Ex-Protestanten, einfach mal gesgat werden ;-)

Herzliche Grüße
Morgenländer

Gereon Lamers hat gesagt…

@Kallopevorleserin:

"Die Kritik an einer mißlungenen Übersetzung wäre wundervoll, wenn sie kürzer wäre. Wenn sie aufhörte da, wo sie aufhört, Kritik zu sein."

Stimmt!

In meiner Ausgabe von 1947 fehlt just der Teil nach den "Perlen". Falls das noch auf Haecker zurückgeht m.E. ein Indiz dafür, daß es jedenfalls wirklich nicht um eine konfessionelle Polemik ging. (hoffen wir, es war nicht bloß die Papierknappheit in der Nachkriegszeit...)

GL