Montag, 4. Juni 2012

Christi Blut als "Fluch"?


Aktuell beschäftigt offenbar der sogenannte "Babyrosenkranz" die Blogozese (etwa hier bei Freiburgbärin oder hier bei Thermometer) - jenes Gebet, welches in der an und für sich lobenswerten Aktion 33 Tage für das Leben unter anderem gebetet werden soll. Vor allem an folgendem Gebetstext wird Anstoß genommen:
Dein Blut komme über uns und unsere Kinder, damit die gerettet werden, die Du so sehr liebst.
Der Text bezieht sich auf eine Schriftstelle aus dem Bericht über den Prozess Jesu:
Als aber Pilatus sah, daß es nichts nütze, sondern dass vielmehr ein heftiger Tumult entstand, nahm er Wasser, wusch sich vor dem Volk die Hände und sagte: Ich bin unschuldig am Blute dieses Gerechten; sehet ihr zu! Und alles Volk antwortete und sprach: Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder (Mt 27, 14f.).
Vorneweg: Ich bin kein Freund dieser Spezialrosenkränze, gleich welcher Provenienz. Selbst um die sogenannten "lichtreichen Geheimnisse" mache ich einen Bogen. Deswegen habe ich für mich recht rasch entschieden, an der Aktion teilzunehmen, aber etwas anderes zu beten.
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Zurück aber zum Babyrosenkranz und dem inkriminierten Text: "Kann man diese Selbstverfluchung einfach umkehren und zu einem Gebet wandeln - wie im Babyrosenkranz geschehen" fragt zum Beispiel Johannes auf Thermometer und fügt hinzu: "Ich habe Zweifel".
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Es gibt allerdings einen ähnlich gelagerten Fall. Als 1925 das Christkönigsfest eingeführt wurde, ordnete Pius XI. an, daß an diesem Fest die Weihe des Menschengeschlechtes an das heiligste Herz Jesu zu vollziehen ist. Damit wurde auf ein Gebet von Leo XIII. zurückgegriffen, das einem ähnlichen Raster folgt - wenngleich deprekativer formuliert und unmittelbar auf das Judentum (rück-) bezogen:
Blicke endlich voll Erbarmen auf die Kindes des Volkes, das so lange das auserwählte war. Das Blut, das einst auf sie herabgerufen wurde, möge jetzt als Quell der Erlösung und des Lebens auch sie überströmen.
Die kühne Formulierung steht in einer Reihe mit der felix culpa, der "glücklichen Schuld" Augustins, von welcher die Kirche in der Osternacht singt. Denn nicht sei es unmöglich, so schreibt zum Beispiel der hl. Thomas von Aquin, "daß ein Übel durch ein Gutes zum Guten hingeordnet werde" (De veritate 5, 4 ad 6). Das Blut, das einst herabgerufen wurde, jetzt als Quell der Erlösung und des Lebens? Ich halte diese Vorstellung für weniger anstrengend als die Idee, das kostbare Blut Christi könnte über die Zeiten hinweg als Fluch über den Beteiligten liegen - wäre solch eine Idee nicht letzten Sinnes Blasphemie?
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Unter Johannes XXIII. wurde diese Passage aus dem Weihegebet allerdings voll und ganz gestrichen - nicht der Gedankenführung wegen, sondern ob der als mißverständlich empfundenen Wendung vom "Volk, das so lange das auserwählte war". Das aber ist eine andere Baustelle.

Kommentare:

Freiburgbärin hat gesagt…

Langsam finde ich die ganze Auseinandersetzung pro / kontra Babyrosenkranz nur noch albern. Niemand ist verpflichtet ihn zu beten, dass habe ich von Anfang an klar gemacht. Wichtig ist einzig und allein, dass für die Ungeborenen gebetet wird.
Sonst nichts!
Deinen sehr guten Beitrag habe ich bei FB geteilt.

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Hallo Freiburgbärin!

Ich denke schon, daß auch solche Diskussionen ihren Wert haben. Denn vom Ansatz her ist es gut, wenn die Menschen auch zu reflektieren versuchen, was sie beten. Die Aktion soll darunter natürlich nicht leiden.

Aber sieh es doch mal so: Das Anliegen wird auch durch diese Debatte immer bekannter ... ;-)

Dorothea hat gesagt…

Da der diskutierte Satz ja offensichtlich eine eher komplizierte Geschichte hat wäre eine Erklärung schon mal angebracht gewesen, statt das einfach so ins Netz zu stellen. Nicht jeder ist seit seiner Kindheit katholisch und hat das Verständnis da scheints schon mit der Muttermilch eingesogen.

Vielen Dank jedenfalls für die Erklärung Pro spe salutis. Das hilft mir weiter. Wenn man unter sich bleiben will als cradle catholics braucht man nichts zu erklären, wenn aber nicht ist eben auch mal Katechese nötig.

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Hallo Dorothea!

"cradle catholics" ... ;-)

Dein Anstoß ist natürlich richtig - manche Gedanken, gerade wenn Sie ungewöhnlich geführt werden, bedürfen einer Erläuterung. Ich hoffe zudem, daß Dich die Geister der Vergangenheit künftig in Frieden lassen.