Samstag, 5. Mai 2012

Nach "für viele/alle" - eine weitere Baustelle

Aus der Diskussion um die angemessene Übersetzung der Kelchworte "pro multis" habe ich mich bislang heraus gehalten, nachdem ich bereits früher hier klar Stellung bezogen hatte. Der Brief des Heiligen Vaters hat diese ermüdende Debatte, so hoffe ich, klar und eindeutig beendet. Hoffen und beten wir, daß Benedikt XVI. damit nicht nur den Verstand, sondern auch die Herzen der Priester und Bischöfe erreicht.
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Es gibt aber eine andere Baustelle, die ähnlich gelagert scheint - eine bemerkenswerte Übersetzung der deutschen Fassung des Memento "für die Lebenden" im Römischen Kanon (Hochgebet 1). Der O-Ton lautet:
Memento, Domine, famulorum, famularumque tuarum N. et N. et omnium circumstantium, quorum tibi fides cognita est, et nota devotio, pro quibus tibi offerimus: vel qui tibi offerunt hoc sacrificium laudis, pro se, suisque omnibus: pro redemptione animarum suarum, pro spe salutis, et incolumitatis suae: tibique reddunt vota sua aeterno Deo, vivo et vero.
Dem Einheitstext der deutschen Bistümer folgend gaben die vorkonziliaren Ausgaben des Schott-Meßbuches diese - nicht ganz einfach in ein gutes und angemessenes Deutsch zu übersetzende - Passage mit folgenden Worten wieder:
Gedenke, Herr, Deiner Diener und Dienerinnen N. und N. und aller Umstehenden, deren Glaube und Opfersinnung Du kennst. Für sie bringen wir dieses Lobopfer dar, und sie selbst opfern es Dir für sich und alle die Ihrigen, damit ihre Seele gerettet und ihre Hoffnung auf Heil und Wohlfahrt gesichert werde; sie weihen Dir, dem ewigen, lebendigen, wahren Gott, ihre Gaben.
Im aktuellen Meßbuch für den ordentlichen-römischen Ritus liest sich das so:
Gedenke deiner Diener und Dienerinnen N. und aller, die hier versammelt sind. Herr, du kennst ihren Glauben und ihre Hingabe; für sie bringen wir dieses Opfer des Lobes dar, und sie selber weihen es dir für sich und für alle, die ihnen verbunden sind, für ihre Erlösung und für ihre Hoffnung auf das unverlierbare Heil. Vor dich, den ewigen, lebendigen und wahren Gott, bringen sie ihre Gebete und Gaben.
Der Begriff der "Seele" (pro redemptione animarum suarum) kommt in der Neufassung überhaupt nicht vor. Bei den nachfolgenden Worten unterscheiden sich beide Übersetzungen relativ deutlich:
... pro spe salutis et incolumitatis suae.
Das heißt wörtlich - ein gutes Deutsch kann salutis und incolumitatis jeweils als Genitivus obiectivus auffassen - übersetzt:
... für ihre Hoffnung auf das Heil und die Unversehrtheit (oder: das Wohlbefinden). 
Die alte Übersetzung bleibt relativ am Text, klingt aber etwas "eckig", zumal der Gedanke der "Unversehrtheit" aufgeteilt werden in "Wohlfahrt", die (wie das Heil) "gesichert" (also sozusagen: unversehrt) sein möge.
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Vertretbar ist meines Ermessens auch eine Lesart, die salutis als Genitivus subjektivus auf incolumitatis bezieht, wobei letzteres ein Genitivus obiectivus bleibt. Dann würde der Text wohl so lauten können:
... für ihre Hoffnung auf die Unversehrtheit des Heiles.
Diesem Bezugsgeflecht scheinen die Übersetzer der neuen Fassung zu folgen. Doch jetzt kommt erst der eigentliche Knackpunkt:
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Aus incolumitas (Unversehrtheit, Wohlbefinden) wird "Unverlierbarkeit"- die "Hoffnung auf das unverlierbare Heil" anstelle der "Hoffnung auf das unversehrte Heil" Und das ist meines Ermessens falsch; es steht jedenfalls so nicht im Text. 
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Erneut kann jetzt lustig debatiert und der gesamte "für viele/alle"-Diskurs unter leicht verschobenen Vorzeichen wieder angezettelt werden: Ist das Heil "unverlierbar", weil man sowieso nicht mehr darauf hoffen muß, wenn man es gefunden hat? Oder kann man "unverlierbar" übersetzen, da man ja noch darauf hofft, es also noch nicht hat und einem daher vorerst ohnehin total egal sein kann, ob das Heil dann verlierbar ist oder nicht? Oder hofft man doch besser auf ein "unversehrtes" Heil? Aber hat nicht jeder getaufte Christ im Gnaden- und Erdenpilgerstand bereits das Heil? Warum dann noch hoffen? Oder kann man es womöglich wieder verlieren? Und: Erleben wir ein Comeback der Seele? Fragen über Fragen!
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Ich bin gespannt, welche Übersetzung das neue deutsche Meßbuch bieten wird!

Kommentare:

Severus hat gesagt…

Im Augenblick finde ich nicht die Gelegenheit, mich weiter in dieses Problem zu vertiefen - vorerst soviel: bei "pro spe salutis et incolumitatis" stellt das "et" die beiden Genitive syntaktisch auf eine Stufe. Somit kann man beide nur als gen. obiectivus verstehen, also "Hoffnung auf Heil UND Unversehrtheit".

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Das wäre meines Ermessens bei Prosa auf jeden Fall ein starkes Argument. Da der Römische Kanon in der Fassung letzter Hand aber nach den Regeln des Cursus formuliert ist, könnte die Position des "et" zwischen "salutis" und "incolumitatis" auch rein metrischen Gründen geschuldet sein; es könnte sich dann zum Beispiel um einen Satzanschluss handeln, der allein des Cursus wegen an diese Stelle gerückt worden ist. Aber, um ehrlich zu sein, soweit habe ich mich in das Thema auch nicht rein vertieft.

Zur lateinischen Liturgiesprache und mithin zum Cursus gibt es hier eine interessante Abhandlung: http://www.zenit.org/article-13685?l=german

Severus hat gesagt…

Cursus ...? nie gehört!
Man lernt nie aus - danke!

sophophilo hat gesagt…

Es ist ja nicht nur ein Problem des Memento, es betrifft den ganzen Kanon, der leider im aktuellen Messbuch recht grottig übersetzt ist... was aber, noch leiderer, kaum auffällt, weil ihn eh kaum jemand verwendet... :(