Mittwoch, 30. Mai 2012

Katholische Argumente in der Abseitsfalle?

Seit einiger Zeit drängen sich mir immer wieder diverse Gedanken zur Diskussions- und Debattenkultur im Lande auf. Was kann man tun, um in diversen Aus-einander-setzungen nicht unter die Räder zu kommen? Es geht dabei weniger darum, die „besten Strategien, um auf jeden Fall Recht zu haben“ zu entwickeln. Es geht eher darum, gern genutzte Strategien der Gegenseite zu durchschauen, um darauf reagieren zu können.

Siehe, ich sende euch wie Schafe inmitten von Wölfen; so seid nun klug wie die Schlangen und einfältig wie die Tauben (Mt 10, 16) ...
... leider scheint bei den Schafen manchmal nur der zweite Teil der Zuratung dieses Herrenworts anzukommen.
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Die eigene Position gerät in vielen Diskussionen und Gesprächen rasch unter einen Rechtfertigungsdruck. Warum, um es an einem Beispiel zu illustrieren, hält man das traditionelle Familienbild hoch, welches – so der Standpunkt der Gegenseite - in seiner trauten Glückseligkeit schließlich nur ein phantasieumwobenes Produkt des bürgerlichen Zeitalters sei und überdies so traut und glückselig nicht war, schließlich sei es auch ein Repressionsinstrument im Geschlechterverhältnis?
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Nehmen wir an, wir haben uns dies nun angehört und gehen darauf ein. Was ist da passiert?
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Unser Gegenüber hat sich gleich zu Anfang ein gutes Stück Deutungshoheit des Begriffs „Familie“ an Land gezogen. Er deutet den Begriff auf dem Hintergrund eines Ausschnittes der geschichtlichen Entwicklung; in seinem Fall bietet ihm dies die Gelegenheit, kein gutes Haar daran zu lassen. Wenn wir jetzt – dieser Strategie gegenüber unkritisch – darauf eingehen, sitzen wir sozusagen sofort in der Abseitsfalle.
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Denn wer sich jetzt auf genau diese Diskussion einlässt, hat bereits zu Anfang zur Hälfte verloren. Warum? Weil man sich sofort und ohne Not der Diskurshoheit der Gegenseite unterwirft. Die Gegenseite gibt eine klare Stoßrichtung, den Ton und die dazu passenden Begriffe und Bilder vor, unter denen das Thema zu betrachten sei. Wir finden uns dabei unversehens in die Defensive abgedrängt. Ich denke, dass wir sehr oft, womöglich aus einer falsch verstandenen „Dialogbereitschaft“ heraus, unserem Gegenpart hier ins Netz gehen, zumeist unbewusst und einfältig wie die Tauben.
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Manchmal können wir uns wieder freischwimmen, häufig aber laufen wir Gefahr, uns darin zu verheddern.
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Wenn wir Glück haben, dann gelingt es uns, die Diskussion wieder von dieser Schiene herunter zu hieven. Wie das? Wir müssen unser Gegenüber damit konfrontieren, dass wir kein Interesse haben, einen Begriff nur unter den Vorzeichen seiner tatsächlichen oder vermeintlichen geschichtlichen Fehlentwicklungen zu diskutieren. Vielmehr sei sinnvoll(er), sich zuerst einmal auf die dem Begriff zugrunde liegende Idee einzulassen. Von der Idee aus – und einer möglichst klaren Vorstellung derselben – könne man sich dann (zu einem späteren Zeitpunkt der Debatte) gerne auch über die jeweilige geschichtliche Anverwandlung und über die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, samt sinnvoller Korrekturen unterhalten.
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Unser Gegenüber wird – das lehrt leider die Erfahrung – trotzdem oft versuchen, das Gespräch auf eine historische Betrachtungsebene zu ziehen; das scheint einerseits inhaltlich spannender und andererseits einfacher obendrein - und ist übrigens nicht immer einer gezielten Absicht, sondern mitunter einfach einer Gewohnheit geschuldet.
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Wir werden bei diesem Abgleiten immer wieder daran erinnern müssen, dass sich schwerlich Phänomene in dieser unserer Welt finden lassen, über die man nur Gutes sagen könnte. Erlauben wir uns, dies in diesem Fall sogar an einem geschichtlichen Beispiel zu erläutern: Das Deutsche Rote Kreuz hat sich nur zu gerne vom Dritten Reich inszenierte humane Zustände in Konzentrationslagern vorführen und Sand in die Augen streuen lassen – dennoch würde heute kaum jemand generell dieser Organisation Sinn und Verdienst absprechen. Denn die Idee, die hinter dem Roten Kreuz steckt, ist gut.
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Tückischer wird die Lage, sobald unser Gesprächspartner signalisiert, er habe keine Lust oder die Zeit sei nicht vorhanden, das Thema sozusagen „von Adam und Eva“ an zu betrachten. Da hilft nur ein Ruf an die geistige Regsamkeit. Oder man erinnert an die Erfahrung, dass jede fruchtbare Diskussion einer Arbeitsgrundlage bedarf, die von beiden Seiten akzeptiert werden kann. So sagt zum Beispiel Konfuzius:
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Wenn die Worte nicht stimmen,
stimmen die Begriffe nicht.
Wenn die Begriffe nicht stimmen,
wird die Vernunft verwirrt.
Wenn die Vernunft verwirrt ist,
gerät das Volk in Unruhe.
Wenn das Volk unruhig wird,
gerät die Gesellschaft in Unordnung.
Wenn die Gesellschaft in Unordnung gerät,
ist das Gemeinwesen in Gefahr..
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Soviel für heute zu diesem Thema. Würdet Ihr die obige Einschätzung teilen? Oder gar ergänzen wollen? Welchen Strategien begegnet Ihr in diversen Gesprächen immer wieder? Wäre es lohnend, diese Strategien hier zu durchleuchten? Und sich an der Entwicklung von Gegenstrategien zu versuchen?

Kommentare:

Bellfrell hat gesagt…

Ich habe das mal auf google+ geteilt.
Ähnliche Erfahrungen haben sicher schon viele gemacht.

Damian hat gesagt…

Vielen Dank für den Hinweis auf diese Diskussionsfalle. Ich wäre sicher auch prompt darauf hereingefallen.
Gerne mehr davon. Ich kannte bisher nur das argumentum ad personam als rhetorische Falle.

Vincentius Lerinensis hat gesagt…

Volltreffer! Es sind fast immer die Argumentationsvoraussetzungen, in denen der Knackpunkt liegt.

Bis ich das gemerkt habe, habe ich jede Diskussion mit Freikirchlern verloren -- weil ich mich auf deren sola scriptura eingelassen hatte...

Josef Bordat hat gesagt…

Vielen Dank für diesen erhellenden Artikel! Grundsätzliche Zustimmung! Als Ergänzung: http://jobo72.wordpress.com/2012/03/30/%E2%80%9E-und-der-papst-ist-schuld/

LG, JoBo

Freiburgbärin hat gesagt…

Ich habe es auf Facebook gepetzt. Wenn es gelesen wird, könnte es eine unsinnige "ich betrachte meinen Bauchnabel" Diskussion beenden.


Deinem Blog fehlt ein Suchenfeld. Das smileys nicht gehen liegt an Deinem Bloghoster.

Anonym hat gesagt…

Unser Gegenüber hat sich gleich zu Anfang ein gutes Stück Deutungshoheit des Begriffs „Familie“ an Land gezogen.

Und diese Deutungshoheit des Begriffs Familie steht einzig und alleine der römisch-katholischen Hierarchie zu? Das wollen Sie doch zwischen den Zeilen kund tun.
Dummerweise verstehen die Menschen heute unter dem Begriff Familie viel mehr, als den extrem eng gefassten Familienbegriff der katholischen Kirche aus dem Heimatfilm der fünfziger Jahre: Vater, draussen bei der Arbeit, Mutter, zu Hause am Herd bei der Kindererziehung, Kinder, möglichst viele und möglichst aufs Wort gehorchend.

Und so ist es mit der katholischen Vorstellung von Familie so, dass Sie Menschen des dritten Jahrtausends Dinge schmackhaft machen müssen, die seit einem halben Jahrhundert in den Abstellkammern der Geschichte verstauben. Anders ausgedrückt, Sie müssen den Menschen zur Behandlung ihrer heutigen Probleme längst verfallene Lösungen von 1950 oder noch früher anbieten. Dass diese Lösungen dann natürlich völlig versagen müssen, will nicht in die Betonköpfe des katholischen Klerus hinein. Man wähnt sich im Besitz der absoluten Wahrheit, des allerbesten, ja einzigen Produktes auf dem Markt. Und niemand will es kaufen.

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Hallo Anonym!

Wer sagt denn, daß einfach die Heimatfilm-Lösungen von früher aufgewärmt werden sollen? Aber ich bin für diesen Kommentar hoch dankbar, denn Sie exerzieren genau durch, was ich beschrieben hatte: Den Vorwurf, ich nehme jetzt mal meine eigenen Worte, man würde ein "phantasieumwobenes Produkt des bürgerlichen Zeitalters" aus der Mottenkiste holen.
Daß Familie heute - allein schon der soziokulturellen Entwicklung wegen - heute anders funktioniert als in der Nachkriegszeit, liegt auf der Hand. Dioe Frage besteht: Gibt es etwas, was über allen Zeitläufen ein Ideal darstellt ("Idee") und wenn Ja: Wie läßt sich es unter den gegebenen Umständen realisieren bzw. inwieweit müssen sich, um hier einmal einen ganz anderen Jargon zu bemühen, "die Verhältnisse ändern", um es (besser) realisieren zu können.
Schließlich ist die Postmoderne kein Ponyhof; die beste aller Welten aber sicher auch nicht.

F. M. hat gesagt…

Zitat: Hallo Anonym!

Wer sagt denn, daß einfach die Heimatfilm-Lösungen von früher aufgewärmt werden sollen?/Zitat

Der konservative katholische Klerus zusammen mit den Konservativen aus der Politik.
Alle rufen nach dem Betreuungsgeld, das nichts anders ist als ein –von der Höhe des Betrages her richtig schäbiger- Bestechungsversuch an den Müttern, um sie am Herd festzuhalten. Vor allem an Müttern, deren Kinder jeden Kontakt zu anderen, möglichst deutschsprachigen, Kindern, bitter nötig haben, um später nicht in unserem ungerechten Schulsystem nach unten durchgereicht zu werden. Frauen sollen, wie im Heimatfilm, am Herd stehen und sich um Mann und Kinder kümmern. Sie geraten dadurch wieder in eine fatale Abhängigkeit von ihren Männern, ganz abgesehen davon, dass die allermeisten Familien bei den Löhnen und Gehältern heute auf zwei Einkommen angewiesen sind, weil die reale Einkommensentwicklung in diesem Jahrtausend negativ ist. Abhängig Beschäftigte bekommen heute meist weniger Gehalt und Lohn, and er Kaufkraft gemessen, als zur Jahrtausendwende.

Zitat: Aber ich bin für diesen Kommentar hoch dankbar, denn Sie exerzieren genau durch, was ich beschrieben hatte: Den Vorwurf, ich nehme jetzt mal meine eigenen Worte, man würde ein "phantasieumwobenes Produkt des bürgerlichen Zeitalters" aus der Mottenkiste holen./Zitat

Das ist doch genau die Realität. Genau das wollen die „Wert“Konservativen ja. Die Mottenkiste der fünfziger wieder aufmachen. Kinderbetreuung durch die Mütter, am besten durch die Mütter alleine, die Herren der Schöpfung sind ja an ihre Arbeitsplätze ausser Haus gebunden, ist ja genau das, was alle verlangen, die glauben dass die KiTa des Teufels ist.


Zitat: Daß Familie heute - allein schon der soziokulturellen Entwicklung wegen - heute anders funktioniert als in der Nachkriegszeit, liegt auf der Hand./Zitat

Aber trotzdem wollen alle Konservativen, dass Familie so gehandhabt wird, wie im Heimatfilm der fünfziger Jahre. Das passt doch hinten und vorne nicht zusammen.

Zitat: Die Frage besteht: Gibt es etwas, was über allen Zeitläufen ein Ideal darstellt ("Idee") und wenn Ja: Wie läßt sich es unter den gegebenen Umständen realisieren bzw. inwieweit müssen sich, um hier einmal einen ganz anderen Jargon zu bemühen, "die Verhältnisse ändern", um es (besser) realisieren zu können. /Zitat

Und Sie meinen, die katholische Idee von der Mutter am Herd, viele Kinder aufziehend, der Vater draussen in der Welt, arbeitend um seine Familie zu ernähren, sei ein über die Zeitläufte hinweg unveränderliches Ideal?
Weit gefehlt! Es ist das Ideal aus dem Heimatfilm des vorigen Jahrhunderts. Und noch nicht einmal da war es immer ideal. Ich bin in dieser Zeit aufgewachsen und erinnere mich noch sehr gut an die „Schlüsselkinder“ deren Mütter erwerbstätig sein mussten und die den Wohnungsschlüssel an einer Schnur umgehängt bekamen. Auf dem Land war das überhaupt nicht möglich, dass die Frauen nur am Herd blieben. Das war eine gewaltige Doppelbelastung, weil die Stall- und Feldarbeit auch auf die Frauen wartete. Und in der Zeit bis zum Abgang der Monarchen konnten sich nur Adel und reiches Bürgertum leisten, Frauen zu Hause zu halten. Und die hatten dann so viel personal, dass sie den Herd nur aus der Ferne kannten. Alle anderen Frauen mussten ranklotzen, um die Kinder zu ernähren.

Ihr Ideal einer über alle Zeitläufe hinweg allgemein gültigen Familie ist ein frommer, konservativer Wunschtraum, der besagt, dass die Kinder nur dann gut im Glauben erzogen werden, wenn sich die Mutter ausschliesslich um die Kleinen kümmert. DAS ist nämlich des Pudels Kern. Die Kinder sollen möglichst lange von einer als den frommen Wünschen einer religiösen Erziehung zu „Werten“ entgegengesetzten „bösen Welt“ entzogen werden. Und das ist für die soziale Entwicklung der Kinder schlecht. Und ganz besonders für die Sprachentwicklung von Einwandererkindern. Sagen die Erziehungswissenschaftler. Und die haben dafür Belege. Die müssen nichts glauben. Die wissen.

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Hallo F.M.!

Sie habens aber auch mit den Heimatfilmen. Die meisten davon finde ich übrigens dusselig zum Quadrat. ;-)

Meine Argumente scheinen Sie nun nicht eben wirklich zu interessieren. Ich kann offenbar sagen, was ich will - am Ende unterstellen Sie mir ja doch wieder "Heimatfilm".

Da ich Sie also offenbar kaum davon überzeugen kann, daß auch für mich Familie heute anders funktionieren dürfte als "Mütter am Herd, Väter in der Maloche und viele fromme Kinder", drehe ich den Spieß um:

F.M., verraten Sie mir einmal positiv, wie Sie sich "Familie" vom Grundsatz (!) her vorstellen. Oder hat sich "Familie" heute erledigt?

F. M. hat gesagt…

Bitte die verzögerte Anrwort zu vergeben, lag eine Woche in der Framde krank im Bett ohne Netzzugang.

F.M., verraten Sie mir einmal positiv, wie Sie sich "Familie" vom Grundsatz (!) her vorstellen. Oder hat sich "Familie" heute erledigt?/Zitat

Familie besteht für mich nicht nur aus dem engen Begriff, den die katholische Hierarchie dafür befiehlt, sondern zum Beispiel:

Eltern mit je eigenen und gmeinsamen Kindern, gemeinhin Patchwork-Familie genannt. Da sind die von der katholischen Kirche so schäbig behandelten "wieder verheirateten Geschiedenen" drin.

Eltern mit eigenen und adoptierten Kindern

Eltern (Mütter/Väter) mit Pflegekindern ohne eigene Kinder (nennt man gemeinhin SOS-Kinderdörfer)

Eltern mit eigenen und angenommenen Kindern die ihre gleichgeschlechtliche Liebe leben, geminhin Regenbogen-Familien genannt.

Mütter mit Kind/Kindern

Väter mit Kind/Kindern

Paaare noch ohne eigene Kinder/Pflegekinder/Adoptivkinder

etc. pp

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Sie waren krank? Freut mich, daß Sie wieder auf die Beine gekommen sind!

Ich denke, um das Thema nicht im Rahmen eines schon länger verflossenen Beitrages zu diskutieren, daß man dies in einem eigenen Beitrag tun sollte, den ich demnächst verfassen werde. Lassen Sie mir etwas Zeit?

Und schauen Sie einfach ab und zu auf diesem Blog vorbei ...