Donnerstag, 17. Mai 2012

Die erlöste Menschheit ins Gottesreich hinübertragen - Christi Himmelfahrt

Auf alten Bildern der Himmelfahrt Christi sehen wir, wie der Herr zum Vater emporsteigt, während er einen Kreuzesstab auf der Schulter trägt. Oder das Kreuz schwebt hinter ihm, während er selbst die Arme in Kreuzesform weit ausgebreitet hält. Oft fehlt das Kreuz, aber die Orantenhaltung des Herrn stellt es dar ... Mit einem Kreuz also steigt Christus in mächtigem Triumphe zum Sitz seiner Glorie auf ...
Wie ist das zu verstehen? Der Herr hat doch gerade das Kreuz überwunden, alles Erdenleid und die Todesqual hinter sich gelassen, alle Schmach mit ewiger Herrlichkeit vertauscht! Was soll das Kreuz, das Zeichen der Schmach, die bittere Frucht dieser Erde, das Werkzeug des Todes, in der Glorie des Himmels, in der Wonne der zukünftigen Welt, in der ewigen Freude des göttlichen, unsterblichen Lebens? Sollte das Kreuz nicht unten bleiben, vergraben und vergessen?
Aber der Heiland trägt es triumphierend zum Thron empor, und die Kirche stellt das heilige Holz auf ihre Altäre und singt sein Lob. Auch die Kirche, die mit ihrem Herrn und durch ihn gesiegt hat und mit ihm zum Vater emporsteigt, trägt das Kreuz in ihrer Hand, wie wir es ja auch in der ältesten symbolischen Kunst sehen, wo die Ekklesia die Kreuzesfahne schwingt. Wie der Bräutigam,so rühmt sich auch die Braut im Kreuze. "Nos autem gloriari oportet in cruce Domini nostri Iesu Christi - Wir aber müssen uns rühmen im Kreuze unseres Kyrios Jesus Christus".
Wie kann man sich aber einer Sache rühmen, die das Niedrigste und Schmachvollste ist, was es gibt? ... Rühmen ist doch höchster Lebensausdruck, ein Jauchzen aus überströmender Lebenskraft. Das Kreuz aber ist Unterdrückung jeden Lebens und damit aller Freude, ist Traurigkeit und Schmerz und Tod! Alles Leben ist in diesem harten, kalten Stamm erstorben, und was man an ihn heftet, dem wird der letzte Lebenshauch mit dem letzten Blutstropfen ausgepreßt. Und doch singt die Kirche: In unserem gekreuzigten Herrn Jesus Christus ist uns Heil, Leben und Auferstehung.
Hier erkennen wir, daß die Kirche wirklich etwas Himmlisches ist. "Ecclesia in coelis - Die Kirche ist im Himmel". Vom Himmel steigt sie herab, und vom Himmel aus ruft sie uns zu: Im Kreuz ist Heil, Leben und Auferstehung! Denn nur vom Himmel aus, aus der Tiefe Gottes, aus seiner so ganz anderen, abgründlichen Weisheit heraus sind solche Worte verständlich; von der Erde aus gesehen sind sie Torheit und Unsinn.
Erst vom Himmel aus offenbart uns das Kreuz seinen wahren Sinn, sein Mysterium. Und deshalb trägt der Herr bei der Himmelfahrt das Kreuz in den Himmel empor.
Das Kreuz schwebt zwischen Himmel und Erde. Es steht tief drunten in der Erde, aber es ragt empor bis in den Himmel hinein. Es verbindet Himmel und Erde, und es trennt Himmel und Erde. Daß es Himmel und Erde verbindet, zeigte sich besonders bei der ersten Parusie des Herrn im Fleische, als der Menschensohn zwischen Himmel und Erde an ihm hing und sich als Opfer für die vom Himmel getrennte Menschheit darbrachte. Daß das Kreuz Himmel und Erde trennt, wird sich bei der zweiten Parusie zeigen, wenn das Kreuz vom Himmel auf die Erde herableuchtet und seine Getreuen sammelt, der Welt aber das ewige Urteil spricht.
Aber auch bei der ersten Parusie hat das Kreuz nur dadurch vereint, daß es trennte. Das Kreuz ist immer der Grenzpfosten zwischen Gott und Welt. Gott kann in die Welt nur hinabsteigen, wenn er diese Grenze überschreitet; und der Mensch kann nur dann zu Gott emporsteigen, wenn er seinerseits diese Grenze überschreitet. "Welt" ist hier das Reich der Sünde, die widergöttliche Welt, die sich gegen Gott erhoben hat und nichts von ihm wissen will. Als Gott dieser Welt sein Heil wieder anbot, stieg sein eingeborener Sohn hinab in diesen furchtbaren Bezirk der Sünde und der Finsternis; er wurde der gefallenen Menschheit gleich, soweit das für den Reinen möglich war. Er wurde in allem uns Sündern gleich - doch ohne Sünde. Er nahm das Fleisch der Sünde auf sich mit all seinen Schrecken, der Trübsal, dem Leiden und dem Tode. Das heißt: Er nahm das Kreuz auf sich. Indem er aber seinen unschuldigen, aus dieser Welt genommenen Leib ans Kreuz heftete, hat er die Welt selbst der Sünde entrissen. Das Kreuz hat also getrennt und vereint: getrennt, insofern es den furchtbaren Abgrund, der zwischen Gott und Welt besteht, aufs eindringlichste predigte und betonte - die Welt mordet Gott! Gott stirbt um der Sünde willen! -, vereint aber, insofern nun der siegreiche Kreuzträger in seinem Leibe die erlöste Menschheit in sein Gottesreich hinübertrug. "Hodie mecum eris in paradiso - Heute wirst du mit mir im Paradies sein".
 Odo Casel OSB: Mysterium des Kreuzes. Paderborn 1954. S.234 ff.
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