Sonntag, 27. Mai 2012

Das heilige Pneuma - zum hohen Pfingsttag

Die Pentecoste, die fünfzig Tage des "Festes" sind heute zu Ende, oder vielmehr, sie sind erfüllt, vollendet, zum Gipfel, zur Reife geführt. Das ganze Fest, das so ungeheuren Inhalts voll ist, ist heute abgeschlossen, hat uns seine ganze Fülle offenbart und hinterläßt uns als reife Frucht das Pneuma. 
Das Pfingstwunder - Pfarrkirche St. Martin, Feldkirch im Breisgau
Nun werden wir mit den Aposteln in alle Welt entsandt, um überall, jeder in seiner Weise, von der Kraft des Pneumas zu künden. "Er sandte sie in die ganze Welt, zu predigen und Zeugnis abzulegen" (Mk 16, 15). Und was sollen wir bezeugen? "Wer glaubt und getauft wird, der wird heil sein" (Mk 16, 16). Durch Glauben und Taufe gelangen wir zum Heile, zum ewigen Leben. So verbreitet das Pneuma die Kunde von Pascha in alle Welt, denn Glauben und Taufe sind Gaben des Pascha, Gaben des Kreuzes, Gaben der Auferstehung.
Der heutige Tag faßt also noch einmal die ganze Fülle des Pascha zusammen. Was ist aber Pascha? Pascha ist die Offenbarung Gottes an die erlöste Menschheit. Was heißt Offenbarung? Offenbarung ist, wie der Ausdruck der Schrift besagt, "Entschleierung" des göttlichen Mysteriums und damit dessen Mitteilung an uns. Gott hat den Schleier gelüftet, der sein Wesen verbirgt; er hat uns durch Christus einen Blick in sein Geheimnis gestattet.
Wir waren blind und taub und stumm. Wir waren wie Menschen, die in der Sonne wandeln und die Sonne nicht sehen. Wir waren versenkt in die dunklen Abgründe der Sünde und Unwissenheit. Das unendliche Leben Gottes flutete an uns vorbei, und wir bemerkten nichts davon; ja wir hielten sogar unser eigenes Licht, das doch nur Finsternis war, für besser und größer als die Sonne Gottes. 
Wir kannten nichts von der unendlichen Liebe Gottes. Das Feuer der Ewigkeit brannte, und wir saßen in der Kälte. Wir wußten nichts von der Wahrheit, sondern saßen im Schatten des Todes und des Irrtums. Wir ahnten nichts von der Schönheit Gottes, die doch allein beseligen kann, wir quälten uns ab mit den scheußlichen Zeichen der Verworfenheit oder begnügten uns mit der Scheinschönheit dieser Welt, die voll ist von Moder und Totengebein. 
Da erbarmte sich unser der allmächtige und barmherzige Gott und lüftete den Schleier. "Gott hat nie einer gesehen. Eingeborener Gott, der im Schoße des Vaters ist, er hat Kunde gebracht" (Joh 1, 18). Er sieht seit Ewigkeit den Vater, er ist das Erzeugnis seiner Liebe und ewigen Zeugung; es konnte uns berichten von dem, was er schaut. Aber auch er konnte uns nicht sofort alles zeigen. Denn unser Auge war unfähig, das Göttliche zu sehen. So mußte er uns heilen, unser Auge befreien, es stärken, es für den Anblick des Mysteriums befähigen. Deshalb bestieg er zuerst das Kreuz ... Als er dort unsere Todeskrankheit von uns genommen hatte, da konnte es den Vorhang lüften, der uns das Reich Gottes verbarg. 
Vorher war an ihm selbst das Licht Gottes noch verborgen. Jetzt wurde seine Menschheit zum leuchtenden, durchsichtigen Vorhang, durch den hindurch wir das Licht Gottes sehen können, ohne zu erblinden. "In deinem Lichte schauen wir das Licht" (Ps 35, 10) ...
Der zum Pneuma gewordene Herr, d. h. der ganz verklärte und zu Gott aufgenommene Gottmensch, ist unser Mystagoge, der uns in das innere Heiligtum einführt, uns das ewige Leben Gottes schenkt. "Das ist das ewige Leben, daß sie dich erkennen, den allein wahren Gott, und deinen Apostel Jesus Christus" (Joh 17, 3).
Wer nun gibt uns diese Erkenntnis? Das heilige Pneuma! Er läßt uns zunächst den Abgesandten des Vaters, den Gottmenschen, in seinem wahren Wesen, d. h. als Pneuma und Gott, erkennen. Niemand sagt: Kyrios Jesus! außer im heiligen Pneuma. (1 Kor 12, 3).
Odo Casel OSB: Das christliche Festmysterium. Paderborn 1941. S. 169 ff.
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Gesegnete Pfingsten euch allen!

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