Freitag, 4. Mai 2012

"Das Heilige den Eiligen!" - oder: Nimm und iß und mach hinne

Die Kirche Gottes besitzt nichts, was erhabener, nichts, was heiliger, nichts, was wunderbarer sein könnte. Enthält es doch die vorzüglichste und größte Gabe Gottes, Ihn selbst, den Quell und Urheber aller Gnade und Heiligkeit: Christus, den Herrn (das alte Rituale Romanum zum allerheiligsten Sakrament des Altars).
Die in der Wüste büßende Maria Magdalena
empfängt aus eines Engels Hand den Leib des Herrn
- Deckenbild in St. Trudpert, Münstertal
Wenn in der kleinen evangelischen Kirche meines Stadtteils (weiland ein protestantisches Dorf, das sich Ende des 19. Jahrhunderts hat eingemeinden lassen und zum Dank einen Trinkwasseranschluß bekam) das heilige Abendmahl gefeiert wird, so versammeln sich die Gläubigen zur Spendung um den Altar. Der Pfarrer schreitet - man nimmt sich Zeit - mit dem Abendmahlsbrot langsam diesen Kreis ab, in gewissem Abstand folgt ein Kirchenältester mit dem Kelch. Die Zeremonie hat ihre ganz eigene Würde und Ruhe, auch wenn sie nicht die traditionellen Gepflogenheiten des alten lutherischen Gottesdienstes kennt; auch scheint mir das Abendmahlsverständnis in der badischen Landeskirche, in der Reformierte und Lutheraner uniert wurden, nicht übermäßig "orthodox". Aber Brot und Wein werden in einer dem Augenblick angemessenen Weise gespendet.
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Wenn in der großen katholischen Kirche meines Stadtteils (die Eingemeindung brachte weiland nicht nur frisches Trinkwasser, sondern auch viele Katholiken) die heilige Eucharistie gefeiert und der Leib des Herrn gespendet wird, so stehen die Gläubigen vor einem Priester und einem bis zwei Kommunionhelfern Schlange. Soll heißen: Es geht so zu, wie wahrscheinlich in den meisten Kirchen landauf, landab. 
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Alipius hat sich bereits vor einiger Zeit in einem Beitrag Gedanken über die Art und Weise, wie der Leib des Herrn gespendet und empfangen wird, gemacht. Der äußere Vollzug, der sich seit dem Konzil vielerorts etabliert hat, kann meines Ermessens in einem Wort gefasst werden: Unwürdig. Zuerst steht man in einer Schlange, die sich hie schneller, dort langsamer in Richtung Altar bewegt. Kaum angekommen, wird einem der Herrenleib entgegen gehalten; einen Moment kurzer Verzögerung verschafft bestenfalls die leichte Irritation seitens des Spenders, wenn man seinerseits die gestreckte Hand verweigert, obwohl man nicht nach Oma am Stock ausschaut. Mit derselben bewährten Routine, in welcher eben noch die heilige Eucharistie gespendet wurde, bekommt man gegebenenfalls vom daneben stehenden Ministranten noch ein Osterbildchen in die Hand gedrückt - und schon gehts weiter, denn die hinten wollen ja auch noch drankommen. Von der Möglichkeit einer kurzen Sammlung, eines auch körperlichen Innehaltens und Verweilens keine Spur: Das Heilige den Eiligen?
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Ein Gegenbild: Heute war ich bei Edeka. Neben der Fischtheke wurde eine Verkostung angeboten, gebratene Seelachshäppchen in Limonenpfeffer und Flußkrebssalat in einem Calvadosdressing. War lecker. Dahinter steckte ein Unternehmen, welches sich quasi im Untertitel als "Fischmanufaktur" vorstellte. Die gesamte Promo-Aktion - vom Design des Stands über das Kostüm der Dame dahinter bis zum Schälchen und Löffelchen und Serviettchen - sollte mir unzweifelhaft deutlich machen, daß man mir hier sehr hochwertige Kost entgeboten wolle. Wäre ich länger geblieben, die freundliche Dame hätte gewiß alle Register gezogen, mir dies deutlich vor Augen zu führen (ich hätte mir mein Mittagessen womöglich sparen können). Und wie läuft das in der Kirche? Das "Brot, das lebt und Leben spendet" wird angetragen wie ein Napf Milchreis mit Mus früher in der Mensa vom laufenden Band: Nimm und iß und mach hinne.
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War früher alles besser? Oder ist es heute dort besser, wo man's so macht wie früher? Ja und nein. Der Vollzug im außerordentlichen römischen Ritus mit den etwas umfangreicheren Worten der Spendung, dem knienden Empfangs und der Gepflogenheit, nicht nacheinander, sondern nebeneinander den Herrenleib zu empfangen, bietet einige Schutzmechanismen vor allzu deutlicher Verflachung. Aber auch hier habe ich bereits Priester erlebt, die im Eiltempo mit Spendewort und Sakrament verfuhren und die Kommunionbank zur Marathonstrecke umfunktionierten. Das mag den Rubriken genügen, aber genügt es auch dem Mysterium?
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Die Krise, in welche der Glaube an die Gegenwart Christi in den Gestalten von Brot und Wein geraten ist, scheint mir, was die Frage äußerer Vollzüge anbelangt, noch nicht einmal so sehr eine Frage der Handkommunion zu sein - obwohl ich davon, ohne jemandem damit auf die Zehen treten zu wollen, nachdrücklich abraten mag, nicht zuletzt angesichts der unzählig gebrochenen krümelnden Teile diskusgroßer Zelebrationshostien, die sich zunehmender Beliebtheit erfreuen. 
Eine der heute dringlichsten Fragen scheint mir jedenfalls, wie deutlich es im Blick auf die heilige Eucharistie ist und wo überall es wieder deutlicher gemacht und bedacht werden müsste, daß die Kirche Gottes nichts besitzt, was erhabener, nichts, was heiliger, nichts, was wunderbarer sein könnte ... ?!?

Kommentare:

Braut des Lammes hat gesagt…

Sehr gut zusammengefaßt, danke!

Anonym hat gesagt…

Aus der 1. Lesung an Gründonnerstag - Abendmahlmesse:
Ex 12,11
So sollt ihr es essen: eure Hüften gegürtet, Schuhe an den Füßen, den Stab in der Hand. Ihr sollt es in Eile essen! Es ist Pascha des Herrn.

Gott sagt uns schon, wie wir es machen sollen. Man muss nur seinem Wort vertrauen. Und das ist manchmal anders, als wir es uns so vorstellen.

Pro Spe Salutis hat gesagt…

... wenn man mit Ex 12,11 zur Eile mahnt, dann müsste man aber auch die anderen Weisungen befolgen. Gürtel und Schuhe sind damit ok, braucht also jeder mindestens noch einen Stab. Ob auch ein Gehstock reicht?

Im Ernst: Das Kultmysterium ahmt nicht wortwörtlich nach, sonst wäre es weder Kult noch Mysterium.

Anonym hat gesagt…

Selbstverständlich ist mit Ex 12,11 die innere Haltung gemeint. Sei gerüstet und bereit zum sofortigen Auszug! Der "innere Stab" meint die aufrichtige - oder besser aufgerichtete Haltung zu Gott, das sollte man in diesem Moment schon haben.
Sentimentales und rührseliges Verharren ob der eigenen Niedrigkeit wäre das Gegenteil dessen, was Gott von uns will.

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Das Knie vor dem höchsten Herrn zu beugen hat meines Dafürhaltens nichts mit "rührseligem Verhalten ob der eigenen Niedrigkeit" zu tun. Gerade indem der Mensch sich zu seinen Grenzen bekennt, zeigt er zugleich Größe.
Auch habe ich nicht den Eindruck, daß die heute üblichen Gepflogenheiten bei der Spendung der Heiligen Kommunion die Bereitschaft zum Auszug (nennen wir das mal Sendungsbewußtsein: "Ite, missa est") stärkt, sondern eher den Glauben daran unterhöhlt, daß dies die "heilge Seelenspeise auf dieser Pilgerreise" ist.

Wolfram hat gesagt…

Als ich noch in Deutschland lebte, reichte meist ein Presbyter das Brot, der Pfarrer folgte mit dem Kelch. Das scheint mir aber hinterrangig.
Die traditionellen Gepflogenheiten des lutherischen Gottesdienstes sind mir vielleicht auch nicht geläufig; ich stamme aus einer unierten Kirche und amtiere derzeit reformiert (bald dann auch wieder Union).
Aber ich muß gestehen, die Wandelkommunion ist keine Form, die mir irgendwie zusagen würde. Sie hat einfach zuviel von der Suppenküche des Roten Kreuzes an sich, fehlt nur noch das Kochgeschirr aus Aluminium...