Dienstag, 8. Mai 2012

Bücher haben ihre Schicksale

Habent sua fata libelli - "Bücher", so sagte es gegen Ende das zweiten Jahrhunderts der Grammatiker Terentianus Maurus, "haben ihre Schicksale", ihre Geschichte. Daran muß ich manchmal denken, wenn ich in einem nahen Sozialladen der Diakonie die Bücherecke heimsuche. Ich schaue da gerne vorbei - ist ein wenig wie Schatzsuche, zuerst kommt immer das Regal "Heute neu" dran, dann die Ecke mit "Religion", darauf wechsle ich zu Geschichte, Politik und Kunst, inspiziere stichprobenweise die alphabetisch sortierten Romane und lande am Ende oft bei den Kochbüchern. Irgendwo werde ich meistens fündig. Es kommt stets Neues hinzu, in der Regel aus Nachlässen und dergleichen.
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Als wir die Wohnung meines Vaters auflösen mussten, haben meine Schwester und ich auf Zuraten einer Bekannten Bücher dorthin gegeben - so bin ich auf den Laden überhaupt aufmerksam geworden. Beim einen oder anderen Buch war die Trennung womöglich vorschnell - Giovanni Guareschis Don Camillo und Peppone habe ich beispielswegen bald danach zurückgekauft; denn dieser Band war, glaube ich, der erste umfangreiche "Erwachsenen-Roman", den ich in zarter Unschuld aus lauter Begeisterung für die Don-Camillo-Filme von der ersten bis zur letzten Zeile gelesen hatte. Oder ... sollte mir ein entsprechendes Exemplar nochmals in die Finger geraten, würde ich auch einen der Konsalik-Romane, welche früher (gefühlt als gesammelte Werke) das Wohnzimmer-Regal füllten, rückerwerben, rein aus Nostalgie. Bücher haben ihre Geschichte. Diese Bücher erinnern mich an meine Eltern. Manche an mich selbst.
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Dann gibt es die unzähligen anderen, "fremden" Bücher, die manchmal auffallen. Manche - wenige freilich -  geben etwas von ihrer Geschichte preis, eine Ahnung zumindest, wie etwa Theodor Haeckers Essay Vergil. Vater des Abendlands. Das Büchlein Haeckers, der nach seiner Konversion 1921 zu den bedeutendsten katholischen Autoren Deutschlands zählte und der 1936 mit einem Publikationsverbot belegt wurde, hatte vor mir, glaubt man dem Eintrag auf den Vorderseiten, einen ebenso namhaften wie nachmals umstrittenen Eigentümer: den christdemokratischen Politiker und ehemaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg Hans Filbinger, der seinen erzwungenen Ruhestand in Freiburg verbrachte. Peter Berglars Buch über das Opus Dei habe ich ebenfalls aus Filbingers Bestand bei der Diakonie erworben. Anmerkungen und Notizen zeigen, daß sich Filbinger mit beiden Büchern intensiver beschäftigt haben dürfte.
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Anders steht es mit jenen Büchern, die einem irgendwie ins Grübeln bringen. Aktuell wird etwa ein ganzer Schwung Literatur über die Stadt Görlitz feilgeboten, überwiegend Bildbände und Erläuterungen zu Kunst und Kultur. Wem mögen diese Bücher gehört haben, aus welchem Haushalt dürften sie stammen? Hatte sich womöglich jemand das Andenken an seine Heimatstadt in diesen Büchern noch im "fernen" Freiburg bewahrt? Ein anderes Beispiel, ein Buch, das ich schon vor längerer Zeit erworben hatte, eine kleine Ausgabe der Nachfolge Christi: Vermerkt steht darin, die Vorbesitzerin habe sie "für Fleiß im Religionsunterricht. Dresden-Strehlen Ostern 1913" erhalten. Wie wird es in den letzten 99 Jahren nach Freiburg geraten und wie viel Geschichte in der großen Welt und im kleinen Leben mag an diesem Buch vorbeigezogen sein? Oder ein anderes Buch: Wessen Hand hat zum Exemplar von Romano Guardinis Theologische Gebete gegriffen, wessen Herz hat diese Worte in lebendiges Beten gegossen?
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Terentianus Maurus knüpfte sein Wort übrigens an die Auffassungsgabe des Lesers und zielt somit eher auf die innere Nachwirkung des Gelesenen: Je, wie es darum bestellt ist, gestalte sich das Schicksal eines Buches. Welchen Niederschlag fand dann Filbingers Haecker-Lektüre, fand die Nachfolge Christi, fanden die Theologischen Gebete, die Bücher über Görlitz? Was mögen Sie in den Lesenden ausgelöst und bewegt haben? Alles, wie ich finde, interessante Fragen. Bücher haben ihre Schicksale! Welches Schicksal haben wir wohl mit den Büchern?

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