Freitag, 11. Mai 2012

Bei der documenta schlägt's jetzt aber 13

Carolyn Christov-Bakargiev fühlt sich "bedroht". Von Kunst. Genauer: Von einer lebensechten menschlichen Plastik auf einer aufgespießten goldenen Kugel, die man am Kirchturm der Kassler Kirche St. Elisabeth installiert hat. Das Ding sieht, zugegeben, schon ein wenig danach aus, als ob ihm samt Spieß und Kugel und Mann jeden Augenblick der Absturz droht, und selbstverständlich wünsche ich Frau Carolyn Christov-Bakargiev keineswegs, daß sie justamente unterm Turm herumspaziere, auf daß sie keinen weiteren Schaden nehme. Jedoch dürfte etwa der Aufenthalt zu Füßen gotischer Kathedralen ohnehin gefahrenträchtiger sein; denn da droht - es nagt der Zahn der Zeit - öfter mal Kunst runter zu fallen. Hin und wieder bleibt es nicht nur bei der Drohung.
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Trotzdem fühlte ich mich von gotischen Kathedralen bislang nicht bedroht. Und ich spreche aus Erfahrung, in Freiburg steht schließlich eine rum und ich lebe immer noch. Allerdings scheint mir der Dame gefühlte Bedrohung nicht einstürzenden Kunstwerken, sondern eher vertiefter Sensibilität geschuldet. 
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Carolyn Christov-Bakargiev fühlt sich also bedroht. Von Kunst. Das muss man jetzt nicht unbedingt verstehen, denn die Frau ist eigentlich voll vom Fach, macht selbst ganz furchtbar viel in Kunst und leitet die demnächst startende Kassler documenta13, die weltallerwichtigste zeitgenössische Zusammenrottung diverser Künstler und derer Werke. Sie alle, dies muss man natürlich auch sehen, sie alle und Frau Christov-Bakargiev vornweg, sind natürlich Menschen, die weitaus sensibler fühlen und empfinden als Holzklötze von meinereiner Statur und Neigung, der ich im Zweifelsfall den Porsche Cayenne oder das alte G3 bei der Bundeswehr künstlerisch wertvoller finde als ein zu Schrottkunst bzw. Kunstschrott verklärter Kabelsalat oder ein Abend bei den Donaueschinger Musiktagen, der documenta feinfühlender Ohren für Neue Musik. Wer so fühlt wie dort das Publikum, fühlt natürlich mehr. Aber wer so fühlt wie ich, fühlt sich von Kunst wenigstens nicht bedroht - höchstens genervt.
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Die künstlerische Leiterin fühlt sich hingegen bedroht. Sie hat also - wo solche Ursache, muß auch Wirkung sein - Angst. Das ist sehr nützlich, denn Angst stehe, so der Spiegel-Kolumnist Jan Fleischhauer, in der heutigen "Debatte hoch im Kurs" und sei "als Gefühlswort allerersten Ranges geeignet, sofort jede Diskussion zu bestimmen". Denn nichts wirke "so unschlagbar authentisch wie das Bekenntnis, sich zu fürchten". Mit anderen Worten: Wer so daherkommt, macht sich in der heutigen "Gefühlskultur" in jeder Hinsicht unanfechtbar - ethisch, moralisch, in jedem Diskurs, in jeder Debatte, von der Bürgerversammlung gegen Handystrahlen bis in den Bundestag hinein. Nur am Stammtisch blamiert man sich damit, aber dort hocken wieder nur die Holzklötze.
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Es ist ja auch eine bodenlose Unverschämtheit ... da wird geplant und hin und her kuratiert, um eine ganze Stadt zum Kunstraum, ja zum Weltraum zeitgenössischer Kunst zu gestalten - und dann kommen die Pfaffen daher und installieren ungefragt was dazu. "Ein Eingriff in die Freiheit der documenta", deklariert der dazugehörige Geschäftsführer Bernd Leifeld. Ich kann nur staunen! Inmitten der suizidgefährdeten Langeweile einer anything-goes-Gesellschaft schwingt sich die documenta-Zentrale zu absoluter Größe empor, ermächtigt sich zu alleiniger Sinnstiftung, bricht quasi die Diktatur des Relativismus, der es jedem erlauben will, auf eigenem Grund und Boden nach Belieben Kunstwerke auf- und auszustellen. Merke, Mensch: Wir sind die Kunst. Du sollst keine andere Kunst neben uns haben! Und wenn du doch eine neben uns hast, beschneidest du uns in unserer Freiheit. Bereits im vergangenen Jahr habe er bei Gesprächen mit den Kirchen "gefordert", diese sollten "auf zeitgenössische Kunst verzichten", sonnt sich Leifeld weiter in auktoritaler Verfügungsmasse. "Die evangelische Kirche" habe "das verstanden". Wen wundert's auch?
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Aber immerhin - diese documenta-Revue hat Klasse! Hat Stil. Auf diesen Anspruch ist nicht einmal der Absolutismus gekommen: Ein Recht darauf zu haben, daß ein anderes Gut von vornherein nicht sei und nicht werde. Dies erst scheint mir die volle, die letzte Verwirklichung einer wahrhaft autonomen "Freiheit von ..." Auf diesen kulturellen Totalitarismus  muss man erst einmal kommen. Um sowas durchsetzen zu wollen, muss man sich in der Tat fürchten. Am besten vor sich selbst.

Während sich die documenta-Leiterin meinethalben weiter fürchten mag, sieht sich Bernd Leifeld von der Kirchenaktion mutmaßlich eher belästigt ... belästigt durch Kunst! Davon kann der grobschlächtige Durchschnittskatholik natürlich ein garstig langes Liedlein singen. Lassen wir einmal die kirchliche Gebrauchskeramik mit ihrer (Be)Ton-Steine-Scherben-Ästhethik der vergangenen50 Jahre beiseite und kommen gleich zu aufregenderen Kreationen ...
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Was alles durften wir uns im Reich der Kunst nicht schon anschauen ... in Urin ersäufte Wandkreuze, kondomgeschürzte Madonnen, gekreuzigte Kröten, in Schweineblut getunkte Paramente, den schwulen Jesus, geistliche blowjobs und anderes mehr. Wer dagegen anstänkert, beschneidet stets die Freiheit der Kunst und ist ein totalitärer Dunkelmann. Die Kunst nämlich darf sich alles aneignen, anverwandeln und als Dreck behandeln, was und wie es ihr beliebt. Aber wehe, die Kirche eignet sich die documenta an, manipuliert sozusagen die heiligen Kühe des Konzepts und kocht ein unerlaubtes Süppchen. Das schmeckt nach Sakrileg! Bei dem Bohei, welches Frau Christov-Bakargiev und Herr Leifeld rund um die Kunst im Kirchturm veranstalten, lässt sich glatt auf einen gesteigerten Tabubruch seitens der Kirche schließen. 
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Doch wie heißt es schließlich immer so schön? Kunst muss auch Weh tun können und provozieren. Na, klappt doch wieder wunderbar!

1 Kommentar:

Sursum corda hat gesagt…

Herzlichen Dank für diese Worte! Dem Text gibt es nichts mehr hinzuzufügen, einfach super! Was mich noch wundert: Mit den beiden Schülern, die vor Jahren die Documenta mit einem ausgedienten Kühlschrank bereicherten, der anschließend sogar einen guten Preis erzielte, ist man seitens der Doumenta-Leitung sehr viel gnädiger verfahren. Alle sind gleich, manche sind gleicher, seufz!