Samstag, 31. März 2012

Liturgische Bewegung - Anfänge

Wie stellt man sich als "Alte-Messe-Molch" zur liturgischen Bewegung? Diese Frage habe ich neulich angerissen. Es ist gewiß kein Schaden, sich vorab kurz die Entwicklung der liturgischen Bewegung anzuschauen. Meines Ermessens lassen sich zumindest drei Phasen ausmachen:
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(1) Die Anfänge in den Klöstern ab Mitte des 19. Jahrhunderts. (2) Eine zunehmende Rezeption liturgischer Maßstäbe in den Pfarrgemeinden nach dem Ersten Weltkrieg. (3) Der immer deutlichere Ruf nach liturgischer Veränderung, der vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg an Fahrt gewinnt. 
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(1) Die Anfänge in den Klöstern. Die französische Benediktinerabtei St. Pierre zu Solesmes ist bis heute vor allem ob der Wiederherstellung und Pflege des gregorianischen Chorals namhaft, ein Engagement, welches auf die Anregung Dom Prosper Guéranger, seines Zeichens ersten Abt des 1833 neu gegründeten Klosters, zurückgeht. Diese Aufgabe überließ Dom Prosper jedoch kundigen Mönchen, während er selbst Texte und Zeremonien der römischen Liturgie erforschte - nicht zuletzt, um sie für das geistliche Leben wieder fruchtbar zu machen. Die Liturgie sei "die unaufhörliche Stimme der Kirche", in ihr enthüllten sich "in sichtbaren Wirklichkeiten die unsichtbaren Wirklichkeiten". Die Quelle der Liturgie befinde sich in der Heiligen Dreifaltigkeit und als das Gebet der Kirche erreiche sie unmittelbar das Herz Gottes. Wegweisend für eine neue Wertschätzung der Liturgie in Frankreich - wie kurz darauf auch in Deutschland - wurde vor allem Dom Prospers vielbändiges Werk zum Kirchenjahr: L’année liturgique. Um es etwas zugespitzt zu formulieren ... als Dom Prosper sich auf seine liturgische Entdeckungsreise begab, war es etwa in Süddeutschland in der Folge der Spätaufklärung noch nicht so lange her, daß die Pfarrer ihre Gemeinde von der Kanzel herab über Tugend und Anstand und Ackerbau und Viehzucht informierten.
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Das Anliegen von Solesmes wurde in Deutschland vor allem durch die Arbeit des Beuroner Benediktiners Anselm Schott gefördert, dessen lateinisch-deutsches Volksmeßbuch erstmals 1884 erschien (zwei Jahre zuvor wurde bereits ein lateinisch-französisches Meßbuch von der belgischen Abtei Maredsous veröffentlicht). Dieser neue Zugang zur Liturgie dürfte aber noch einige Zeit auf monastisch und akademisch geprägte Zirkel beschränkt geblieben sein. Die sonstigen Gesang-, Andachts- und Erbauungsbücher aus der Zeit der Jahrhundertwende sind noch weitgehend "liturgiefrei", wenngleich zumindest musikalisch - dies aber vor allem eine Folge des Cäcilianismus - Choralmelodien wieder auf dem Vormarsch sind und katholische Hausbücher wie etwa der traditionsreiche Goffiné auch Meßorationen, Episteln und Evangelien der Sonntage und diverser Festtage darbieten. Aber Werke wie das 1880 erstmals erschienene Buch Das heilige Meßopfer dogmatisch, liturgisch und aszetisch erklärt von Nikolaus Gihr fanden, obwohl sich der Verfasser ausdrücklich auch an Laien richtete, noch kaum in die Breite des Kirchenvolks. Wenn überhaupt, dann speiste sich dort das Wissen über die Heilige Messe wahrscheinlich eher aus des Kapuziners Martin von Cochem blumig-barocker Erklärung des heiligen Meßopfers und anverwandter aszetischer Literatur der Altvorderen.
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Die Volksmeßbücher waren anfänglich, so darf vermutet werden, keine Selbstläufer. Wohl auch auf diesem Hintergrund ist jene Rede von Dom Lambert Beauduin zu sehen, in welcher sich der belgische Benediktiner 1909 bei einem Kongreß in Mecheln für die Verbreitung dieser Bücher in die Bresche warf und die in die Annalen der liturgischen Bewegung einging. 
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Eine andere Persönlichkeit darf an dieser Stelle auf keinen Fall vergessen werden - der hl. Pius X. Nicht wenige Reformen und Anregungen des Papstes betrachteten die Väter der liturgischen Bewegung als Ermutigung. Dazu zählen zum Beispiel die unter seinem Pontifikat vollendeten Reformen des Breviers und des Chorals, die klaren Anweisungen zur Kirchenmusik, die Förderung einer möglichst frühen Erstkommunion der Kinder, die Ermunterung zum täglichen Empfang der heiligen Kommunion (damals keineswegs selbstverständlich) und nicht zuletzt die Ermahnung des Papstes zu einer "partecipazione attiva" des Volkes bei der Messe - eine Forderung, die nachmals als participatio actuosa, als "tätige Anteilnahme der Gläubigen" zu einem zentralen Desiderat der Liturgiereform geworden ist. Kolportiert wird in diesem Zusammenhang gerne ein echtes oder vermeintliches Zitat von Pius X.: "Die Menschen sollen nicht in der Messe, sondern sie sollen die Messe beten".
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Vielleicht ist es abschließend noch sinnvoll, auf einige Strömungen aufmerksam zu machen, die für die Anfänge der liturgischen Bewegung womöglich auch eine Rolle gespielt haben dürften. Zu nennen wäre etwa die Romantik mit ihrem Rekurs auf das Mittelalter, die aufblühende Archäologie und - eher philosophisch - die Besinnung auf Idealismus (außerkirchlich) und Scholastik (innerkirchlich) nach einer eher naturalistisch-positivistischen Epoche.

1 Kommentar:

ed hat gesagt…

Vielen Dank für die Fortführung! Es ist immer wieder gut auf die Wurzeln bestimmter Dinge einzugehen, v.a. wenn der Begriff der "liturgischen Bewegung" auch von unserem Papst gebraucht wird.
Besonders schön finde ich hierbei, dass die Alte-Messe-Molche im Ausland sich auch explizit diesen Namen gegeben haben: "Novus Motus Liturgicus", zumindest im englischen Raum und in Polen: http://www.nowyruchliturgiczny.pl/
http://www.newliturgicalmovement.org/
......auch in Deutschland bräuchte es eine solche Sammelbewegung, wobei es ja an VO-Molchen (und entsprechenden HPs) nicht mangelt :D
Wichtig ist jedoch, dass diese Arbeit nicht nur 2.0 stattfindet, sondern auch in die Gemeinden gelangt und dafür ist die (historische) Liturgische Bewegung natürlich ein hervorragendes Beispiel aller Vor- und Nachteile!