Donnerstag, 29. März 2012

Das Kultmysterium

Wie wird man ein Glied Christi?
In letzter Linie ist jene Teilnahme ein Werk der Gnade Gottes, der ewigen Vorherbestimmung. Auf dieser Gnade beruht der erste Anfang des Heilsweges: der Glaube. Aber er gibt noch nicht die Einverleibung in den mystischen Leib Christi, diese erteilt vielmehr das Mysterium der Taufe. Hier stößt der Christ zum ersten Mal auf das Kult-Mysterium.
Christus ist durch sein Leiden auch seiner Menschheit nach zum Pneuma geworden, d. h. zum verklärten Kyrios, zum Hohenpriester, zum Austeiler des Pneumas und damit zum Haupt seiner Kirche.
Durch das Leiden wurde er "geheiligt" (Joh 17, 19), "verherrlicht" (Joh 7, 39; 12, 23); denn jetzt legte er mit seinem irdischen Fleische die freiwillig angenommene "Sünde" ab, er, der für uns "zur Sünde geworden war", indem er die Last der Sünde (...) trug.
Diesen Heilsweg müssen auch wir gehen, aber in Christus. Er ward für uns zum vollkommenen Vorbild, aber nicht bloß zum moralischen, sondern zum Modell, dem wir in allem gleich werden sollen, auch in seinem Sein, soweit das der bloßen Kreatur möglich ist. Dieses aber können wir nicht aus uns, sondern nur durch den Erlöser. Die Erlösung Christi muß also auch an uns Wirklichkeit werden.
Dies aber geschieht nicht durch eine bloße "Applikation", bei der wir uns rein passiv verhielten, durch eine "Rechtfertigung" rein aus dem "Glauben" oder durch eine Zuwendung der Gnaden Christi, bei der wir nur negativ die Hindernisse wegzuräumen hätten, um sie zu empfangen. Sondern es ist eine lebendige, tätige Teilnahme an der Erlösungstat Christi notwendig, die passiv ist, insofern als der Herr sie an uns wirkt, aktiv, insofern wir tätig daran durch eine Handlung teilnehmen. Dem Wirken Gottes an uns (opus operatum) soll unser in Gott gnadenhaft vollzogenes "Mitwirken" (opus operantis) entsprechen.
Wie ist es aber möglich, dieses erhabene Werk zu wirken, wo Gott und Mensch wahrhaft Mitarbeiter sind (und jeder seiner Art entsprechend: Gott als der eigentliche Werkmeister, der Mensch aber als der in Gottes Kraft das Werk empfangende und zugleich daran mitwirkende Teil)?
Dazu gab uns der Herr die Mysterien des Kultes, d.h. heilige Handlungen, die wir vollziehen, die aber zugleich der Herr (durch den Dienst der Priester der Kirche) an uns vollzieht. Durch diese Handlungen ist es möglich, daß wir aufs intensivste und konkreteste in materiell erkennbarer Weise und zugleich in spirituellster Form an den Heilstaten des Herrn teilhaben.
Odo Casel: Das christliche Kultmysterium. Regensburg 1935. 29f.

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